Berlin - Er gurgelt, stottert und lallt - als Verführer kommt er nicht ernsthaft infrage.

Wenn sich "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin den Frauen nähert, ist vom Charme eines Eroberers wenig zu spüren. Für seine Inszenierung hat Regisseur Herbert Fritsch einen Casanova geschaffen, der wie ein übermotorischer Frühgreis auf der Bühne herumhüpft. Für die wohl dunkelste Gestalt aller Mozart-Figuren griff Theatermann Fritsch am Sonntagabend wieder in seine Trickkiste.

Doch vor Beginn der Vorführung wurde es noch kurz sentimental. In einer launigen Rede verabschiedete sich Intendant Barrie Kosky vom scheidenden Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Es sei sein letzter Premierenbesuch als Regierungschef, rief Kosky "dem Klausi" zu. Er dankte dem SPD-Politiker, der auch Kultursenator ist, dass er sich für den Erhalt der drei Berliner Opernhäuser engagiert habe. "Ohne seinen Einsatz wären wir vielleicht alle heute nicht hier", sagte Kosky, den Wowereit selbst nach Berlin geholt hatte.

Kosky hat mittlerweile sein Haus zur hippen Oper Berlins gewandelt. Nach einer Reihe von Operetten mit Riesenerfolg hatte er wieder ein Schwergewicht des Repertoires auf den Spielplan gesetzt. Mit sinnfreiem Spaß und Slapstick-Nummern am laufenden Bann sorgt Fritsch immer wieder für Furore. Stücke wie "Murmel Murmel" oder "Die Spanische Fliege" wurden hochgelobt, auch etwas Oper hat er an der Berliner Volksbühne gemacht. Ob Fritsch die richtige Wahl für Mozart war - darüber schieden sich die Geister. In den Applaus mischten sich kräftige Buhrufe.

Dass Fritsch dabei die Ouvertüre nach hinten schiebt und erst nach einer Viertelstunde spielen lässt, die Sänger die Rezitative im Wahnsinnstempo runterrattern und sonst König Gaga auf der im Spitzen-Dekor bedeckten Bühne herrscht, war wohl zu erwarten - billige Kalauer inklusive. Da wird aus Don Giovanni "Don Johnson" oder "Don Camillo", Diener Leporello mutiert zu "Mozarello".

Ärgerlicher ist, dass bei all dem Aktionismus die Musik Mozarts zur Soundkulisse verkommt. Vor lauter Hektik bleibt den Sängern wenig Zeit zum Singen. Das Orchester unter Leitung von Henrik Nánási fügt sich dem Treiben nur mühsam. Der Chor springt im farbenfrohen Gewand (Kostüme: Victoria Behr) hin und her - Fritsch mag es albern. Es ist, als ob Blödelbarde Helge Schneider die Regie übernommen hätte.

Dabei entstehen auch ein paar amüsante Momente, die Zuschauer lachen kräftig. Wenn Günter Papendell in der Titelrolle eine unsichtbare Mandoline vor dem Balkon der Geliebten spielt und dabei eine Luftgitarre mimt, ist das sehr lustig. Überhaupt strotzt Papendell mit seinem eher zarten Bariton vor Energie. Mit blonder Perücke, roten Lippen und dicken, schwarzen Augenringen sieht er aus wie Batmans "Joker" - ein Teufel in Clownskostüm.

Doch der Don Giovanni von Herbert Fritsch ist nur ein Angeber, wirklich zum Zug kommt er nicht, die Auflistung seiner Eroberungen ("In Italien 640... und in Spanien schon 1003") ist pure Angeberei. Diesen flippigen Macho kann man nicht ernst nehmen, meint wohl Fritsch.

Als Giovannis Diener Leporello erzeugt Jens Larsen in seinen schwarzen Plumpshosen urkomische Situationen. Auch die Schwedin Erika Roos als Giovannis Verführungsopfer Donna Anna, der Australier Adrian Strooper als Annas Verlobter Don Ottavio und Nicole Chevalier in der Rolle der eifersüchtigen Donna Elvira wagen sich mutig an ihre Figuren heran.

Doch wenn zuletzt der tote Komtur (stimmgewaltig: Alexey Antonov) Don Giovanni mit ins Jenseits nehmen will, bleibt aus einem der wohl dramatischsten Mozart-Momente eher ein fader Beigeschmack zurück. Ein Finger zeigt auf den im Boden versinkenden Giovanni, der Schwerenöter zeigt ohne Reue zurück. Während des Schlussapplauses taucht dann auch noch Herbert Fritsch aus der Versenkung - auch er mit erhobenem Finger.