Berlin - Die Volksbühne hatte gewarnt: "Die Vorstellung ist für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet", ließ das Theater vor der Uraufführung von Johann Kresniks Tanztheaterstück "Die 120 Tage von Sodom" verbreiten.

Am Mittwochabend war Premiere der Sex- und Blutorgie frei nach den Fantasien des berüchtigten Marquis de Sade und Pier Paolo Pasolinis Film "Salò oder die 120 Tage von Sodom". Was beim Erscheinen von Pasolinis Film vor 40 Jahren aber noch einen riesigen Skandal auslöste und Aufführungsverbote nach sich zog, verpufft heute trotz teils schwer zu ertragender Szenen als wohlfeile Kapitalismus-Kritik.

Der im Kapitalismus exzessiv betriebene Konsum ist der neue Faschismus, das neue Terrorsystem - so lautet das Credo des bekennenden Kommunisten Kresnik. Ein Politiker, ein Militär, ein Bischof, ein Richter und ein Banker halten sich zur Befriedigung ihrer abartigen Gelüste eine große Anzahl Sklaven. Nackte gequälte Leiber und Kunstblut in Strömen, Plastik-Penisse in Aktion und weibliche und männliche Opfer, die die Fäkalien ihrer Peiniger essen müssen - der 75-jährige Österreicher Kresnik und sein Texter Christoph Klimke lassen nichts aus.

Und am Ende werfen die Folterer ihren Opfern vor, jeden Fraß zu verschlingen, der ihnen vorgesetzt wird - sprich: ungeprüft alle Lügen zu glauben, die die Politik der von Facebook eingelullten Generation vorsetzt. "Heute ist die Politik ein einziger Supermarkt", heißt es.

Konsequenterweise hat der österreichische Künstler Gottfried Helnwein, der mit seinen Bildern von misshandelten Kindern provozierte und auch schon Schock-Rocker Marilyn Manson porträtierte, für Kresnik ein sehr beeindruckendes Supermarkt-Bühnenbild entworfen: Bis unter die Decke stapeln sich in riesigen Regalen seltsame, knallbunte Produkte mit Aufschriften wie "NSA", "BND", "Coca Cola", "Nestlé" und "TTIP".

Mit 30 Tänzern und Schauspielern hat Kresnik sein Stück in Szene gesetzt, darunter Ilse Ritter, Yoshiko Waki, Inka Löwendorf, Roland Renner, Helmut Zhuber und Hannes Fischer. Die Tanzszenen choreografierte Kresnik gemeinsam mit dem Tänzer Ismael Ivo, der auch selbst auf der Bühne steht.

Schaurig ist ein Ballett von bandagierten, blutigen Mädchen. Geschundene Männer- und Frauenleiber winden sich in einem Menschenknäuel in einem gläsernen Kasten. Meist wird mehr gefoltert und deklamiert als getanzt. Die selbst ernannten Herrscher schrecken vor Nichts zurück.

Einige Zuschauer verlassen vorzeitig den Saal, der Großteil des Publikums aber bleibt bis zum Schluss - und applaudiert Kresnik und seinem Team.