Ganz anders als im Supermarkt: Im Berliner "Kochhaus" werden erstmals die Lebensmittel nach Rezepten geordnet und vorportioniert verkauft.

Berlin. Der Mann im schwarzen Boss-Anzug hat ein Problem weniger. Das Handy am Ohr, den Blick gestresst auf die Armbanduhr, ist er eben in den Laden gestürmt. Fünf Minuten später steht er an der Kasse und lächelt deutlich entspannt. Auf dem Arm trägt er zwei braune Papiertüten – darin sind alle Zutaten für das Drei-Gänge-Menü, das er heute für sich und seine drei Freunde zubereiten will.

So schnell und einfach kann einkaufen sein. Im "Kochhaus" in der Akazienstraße 1, im Berliner Stadtteil Schöneberg hat ein weltweit einzigartiger Lebensmittelladen eröffnet: Anders als im klassischen Supermarkt gibt es hier keine Obst- und Gemüseabteilung, keine Frischtheke mit Wurst und Käse und kein Labyrinth aus Regalen, in denen zig unterschiedlichen Senf-, Essig- und Reis-Sorten angeboten werden. Stattdessen liegen die Lebensmittel auf 20 dunkelgrau gestrichenen Tischen – pro Tisch findet der Kunde nur die vorportionierten Zutaten für jeweils ein Gericht. Fisch, Fleisch und Käse lagern nebenan in einer Mini-Kühltruhe. Das Rezept wird auf einer Schautafel oben drüber erklärt, außerdem kann jeder Kunde einen Flyer mit der Kochanleitung mit nach Hause nehmen.

Ein Lorbeerblatt kostet 40 Cent

Geschäftsführer Ramin Goo (29) nennt seinen Laden "Das begehbare Rezeptbuch". Man wählt ein Rezept aus, setzt die Anzahl der zu bewirtenden Personen fest und ist nach fünf Minuten fertig mit dem Einkauf. Zu Hause muss man dann einfach nur noch kochen. Die Produkte werden nicht abgewogen, sondern pro Stück berechnet: Eine einzelne Gewürznelke ist liebevoll in Zellophanpapier gewickelt – kostet 15 Cent. Ein frisches Lorbeerblatt kostet 40 Cent, drei Stiele Basilikum sind zu einem Sträußchen gebunden – 40 Cent, eine mittelgroße Karotte – 15 Cent, ein Kräuterseitling – 80 Cent. Der lokale Metzger hat eine kleine Portion Tiroler Speck gewürfelt und eingeschweißt und mit dem roten "Kochhaus"-Logo beklebt.

"Unsere Kunden kaufen nur genau so viel ein, wie sie auch benötigen", erklärt Goo und holt ein daumengroßes Stück Parmesankäse aus der Kühlung – genau die richtige Menge für das Weißwein-Risotto mit getrockneten Tomaten. Auch der passende Wein oder das fehlende Küchengerät – wie etwa der unverzichtbare Bunsenbrenner für die Crème brûlée – finden sich im Sortiment des gerade mal 160 Quadratmeter großen Ladens mit den großen Fenstern. Während ein herkömmlicher Supermarkt zwischen 10000 und 25000 Produkte im Sortiment hat, kommt das "Kochhaus" mit rund 500 Artikeln aus.

Die Kosten sind pro Portion aufgeschlüsselt. Fusilli mit Ricotta und frischem Babyspinat gibt es für 2,70 Euro, die gebratene Dorade mit provenzalischem Gemüse kostet pro Esser 9,50 Euro. Das Angebot wird in Zusammenarbeit mit dem Koch Benjamin Rendtroff saisonal verändert. Die Kunden müssen aber nicht immer das Komplettpaket einkaufen – wer schon Zutaten zu Hause hat, lässt Unnötiges weg.

"Wir richten uns eher an Hobbyköche", erklärt der Firmengründer, der zuvor BWL studiert und in Rom, Bologna und Berlin drei Jahre bei McKinsey als Unternehmensberater gearbeitet hat. Schon jetzt plant er eine weitere Filiale in Berlin-Mitte, wo die erfolgreichen Großstadt-Singles wohnen.

Eigentlich sei es ein Wunder, dass es die Idee noch nirgendwo gab, sagt der Anzugträger im Rausgehen. "Für mich machen die Großpackungen keinen Sinn. Sie sind zwar im Angebot, aber wie oft habe ich schon ein Netz Kartoffeln gekauft, die dann in der Vorratskammer Keime getrieben haben und die ich dann wegschmeißen musste."