Wer seine teure Digitalkamera nur im Vollautomatik-Modus benutzt, dem entgehen viele Gestaltungsfreiheiten. Dabei braucht es nur etwas Basiswissen und viel Übung, um das Potenzial des Kreativwerkzeugs zu entfesseln.

Frankfurt/Main (dpa) l Die Automatik moderner Kameras ist den meisten Situationen inzwischen gut gewachsen. Komplett misslungene Bilder sind so meistens ausgeschlossen - es kann sich aber trotzdem lohnen, das Sicherheitsnetz auch mal wegzulassen. "Immer mehr Fotografen greifen manuell in die Kamera-steuerung ein", hat Constanze Clauß vom Photoindustrie-Verband beobachtet.

Bemerkenswerte Bilder gelingen oft nur so: "Die Vollautomatik gewährleistet ein korrekt belichtetes Foto. Dafür wählt sie jedoch Mittelwerte, so dass viele Fotoanfänger beklagen, dass ihren Bildern das Besondere fehlt", erklärt die Fotografin Jacqueline Esen aus München, Autorin des Buchs "Digitale Fotografie - Grundlagen und Fotopraxis".

Paukerei ist zwar nicht notwendig. "Doch wie ein Handwerker sein Werkzeug, sollten Fotoeinsteiger die Grundfunktionen der Kamera beherrschen", erklärt Wadim Herdt von der Zeitschrift "Colorfoto". Dazu gehörten das Einstellen der Verschlusszeit, der Lichtempfindlichkeit und des Blendenwerts.

Zum Herantasten empfiehlt Jacqueline Esen einen Dreischritt: Zu Beginn legen Nutzer die Belichtungs- oder Verschlusszeit fest. Sie gibt an, wie lange der Kameraverschluss Licht auf den Sensor lässt. Eine korrekt eingestellte Belichtungszeit verhindert unscharfe Bilder. Um den passenden Wert zu wählen, aktivieren Nutzer zunächst den Modus Blendenautomatik, der sich in der Regel hinter dem "S" oder "Tv" auf dem Rad an der Kameraoberseite verbirgt. Danach können sie mit der zuständigen Taste die gewünschte Verschlusszeit wählen. "Als Faustregel wählt man hier mindestens 1/125 Sekunde", so Esen.

Bei trübem Wetter, im Schatten oder in Innenräumen genügt das einfallende Licht nur für kurze Verschlusszeiten, wenn in einem zweiten Schritt die Empfindlichkeit des Sensors erhöht wird - der sogenannte ISO-Wert. "Während ISO 100 oder 200 eher für besten Sonnenschein gedacht sind, müssen bei schwachem Licht mitunter 800 oder höher her", erklärt Jacqueline Esen. Zaubern kann jedoch keine Kamera: Wenn es zu dunkel ist, sind auch bei hohem ISO-Wert keine kurzen Verschlusszeiten drin. Mit der ISO-Zahl steigt aber auch das Bildrauschen. Bei Kameras mit kleineren Sensoren sehen die Fotos mitunter schon ab ISO 800 grobkörnig und farbfleckig aus. "Um die Empfindlichkeit möglichst niedrig zu halten, passen Nutzer im letzten Schritt den Blendenwert an", erklärt Esen. Er beziffert, wie groß die Öffnung im Objektiv ist, die pro Zeiteinheit Licht auf den Sensor lässt. Je kleiner die Zahl, desto größer die Blende, desto mehr Licht dringt durch das Objektiv - und umgekehrt.

Um Verschlusszeit und Blendenwert komplett selbst kontrollieren zu können, müssen Fotografen mit "M" in den vollständig manuellen Modus wechseln. Das Zusammenspiel aus Zeit, ISO und Blende erlaubt dann viele Kombinationen. Das setzt allerdings auch voraus, dass man genug Zeit hat, sich auf das Foto vorzubereiten. "Selbst Profis fotografieren mit den Teilautomatiken - das macht niemanden zu einem schlechten Fotografen", beruhigt Wadim Herdt.

Niemand müsse sich auf Anhieb eine Glanzleistung abverlangen. "Zum Fotografieren gehört es, sich an den Erfolg heranzutasten und sich Fehler zu erlauben, aus denen man lernen kann", sagt Constanze Clauß. "Selbst die besten Fotografen benötigen zig Versuche, bis sie zufrieden sind." Wenn von 30 Aufnahmen nur eine zeigenswert ist, sei das schon eine gute Ausbeute.