Mit ihrer diesjährigen Fastenaktion zwischen Aschermittwoch und Ostern will die evangelische Kirche dazu ermutigen, sich zu seinen Fehlern zu bekennen: "Ich war\'s! 7 Wochen ohne Ausreden." Aber geht das überhaupt, sieben Wochen bei der Wahrheit bleiben?

Bremen/Frankfurta.M. (epd). Adam schiebt es auf Eva, Eva weist auf die Schlange: "Sie hat mich verführt, da habe ich gegessen." Schon im Paradies suchen Mann und Frau nach Ausflüchten, als Gott sie beim Naschen vom Baum der Erkenntnis erwischt. Ausreden sind eben so alt wie die Menschheit. "Ein wichtiges soziales Schmiermittel", sagt der Bremer Rechtspsychologe Professor Dietmar Heubrock.

Die Kirche ruft nun dazu auf, sich zu seinen Fehlern zu bekennen. Das Leben jedenfalls sieht anders aus. "Mein Hund hat die Karte gefressen", zitiert der Bremer Straßenbahn-Kontrolleur Martin Laubenstein einen Fahrgast, der ohne Ticket angetroffen wird. Das Verleugnen fängt schon im Kleinen an, wenn nicht wahrheitsgemäß auf die Frage geantwortet wird: "Wie geht\'s dir?"

Das Regierungspräsidium Kassel präsentiert auf seiner Internetseite skurrile Ausreden von Temposündern wie die von dem Mann, der seine Raserei mit unbeleuchteten Verkehrsschildern entschuldigt: "Sie tauchen aus dem Dunkel auf, um sofort wieder zu verschwinden."

Für das überzeugende Tricksen und Täuschen wird bisweilen sogar Geld bezahlt. Im Internet fälschen Agenturen wie die Bremer "Alibi-Profis" Termine und konstruieren auf Dauer angelegte Potemkinsche Dörfer, damit Seitensprünge und eine berufliche Existenz etwa als Domina nicht ruchbar werden. Kostenpunkt für die permanente Alibi-Flatrate: 349 Euro im Monat. "Jede langfristige Beziehung braucht Geheimnisse", findet der 36-jährige Firmengründer Stefan Eiben, der mittlerweile von seiner Geschäftsidee leben kann.

Schluss mit faulen Ausreden, meint hingegen die bayerische Regionalbischöfin und Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne", Susanne Breit-Keßler: "Wir tragen Verantwortung für das, was wir denken, reden und tun."

Bei der 1983 gegründeten Fastenaktion der evangelischen Kirche machen in ganz Deutschland jährlich etwa zwei Millionen Menschen mit. Ein Kalender und Fastengruppen in Kirchengemeinden unterstützen die Teilnehmer. "7Wochen Ohne" will dazu anregen, die Zeit vor Ostern bewusst zu gestalten und das eigene Handeln gegebenenfalls auch zu ändern.

"Alle reden von Verantwortung, die jemand übernehmen soll - gemeint sind meistens die anderen", sagt der Geschäftsführer des Projektbüros in Frankfurt am Main, Arnd Brummer.

Ausflüchte sind ein Hintertürchen, ein heimlicher Fluchtweg aus Verantwortung und Schuld, die nur scheibchenweise eingestanden wird - je nachdem, wie viel gerade zu beweisen ist. Wenn es die Gnade der Ausrede nicht gäbe, wären wir vielleicht zu verschreckt und zu ängstlich, um überhaupt noch etwas zu tun, sagen Experten.

"Ausreden schaffen Gemeinsamkeit, indem ich mich nicht explizit gegen die Regeln einer Gruppe stelle, sie haben also eine soziale Funktion", erläutert der Rechtspsychologe Heubrock. "Andererseits fußt jedes Rechtssystem darauf, dass wir Verantwortung übernehmen."

Ohne den kleinen Bluff viele unnötige Konflikte

Ein klassisches Dilemma. Ohne den kleinen Bluff wäre unser Alltag voller unnötiger Konflikte, räumt die Frankfurter Psychologin Brigitte Roser ein, die ein Buch zum Thema geschrieben hat ("Das Ende der Ausreden"). "Aber dann gibt es Ausreden, die verhindern, dass wir rechtzeitig handeln - um eine Beziehung zu klären, ein Problem zu lösen oder unser Leben in Ordnung zu bringen."

Auch wenn es zunächst ungemütlich werden kann, betrachtet die Unternehmensberaterin Wahrhaftigkeit als Geschenk an den anderen - und an sich selbst, weil man damit wachsen kann. "Verantwortung ist ein Zeichen von Würde und Freiheit, beides wahre Gottesgeschenke", formuliert es Regionalbischöfin Breit-Keßler. Und Kampagnen-Chef Brummer ermutigt, wer sich traue "mein Fehler" zu sagen und um Entschuldigung zu bitten, sei glaubwürdig und stark.

Historische Beispiele zeugen von dem Respekt, der denjenigen entgegenfliegt, die sich bekennen. So hat es Willy Brandt erlebt nach seinem Kniefall in Warschau vor dem Mahnmal des Ghetto-Aufstandes von 1943. Eine Geste, die die Welt bis heute beeindruckt. Der spätere Friedensnobelpreisträger übernahm auch stellvertretend für die Verantwortung, die das nicht taten. Und sagte im übertragenen Sinn: "Ich war\'s!"

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