Tokio liegt knapp 400 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens in Japan entfernt, doch die Erschütterungen sind auch dort den Menschen ins Mark gefahren. Der Schweizer Unternehmer Oliver Reichenstein ist oft in Japan und Beben gewöhnt, doch "diese Dimension" habe er noch nicht erlebt.

Tokio (dpa). Es sind Szenen wie nach einem Krieg. Stadtteile liegen in Schutt und Asche, unzählige Wohnhäuser und Bauernhöfe versinken unter den tödlichen Wassermassen eines zehn Meter hohen Jahrhundert-Tsunamis. Gewaltige schlammige Flutwellen schieben Häuser, Autos und Trümmer über Reisfelder. Dichte Rauchwolken steigen in den Himmel. Riesige Brände brechen in der japanischen Stadt Kesennuma in der mit am schwersten betroffenen nordöstlichen Provinz Miyagi aus.

Der Alptraum bricht gegen 14.45 Uhr Ortszeit über das in Wohlstand lebende Inselreich herein. Plötzlich fängt der Boden an zu beben. Die Erschütterungen sind heftig, wollen nicht enden. In den Straßen der Provinzen im Nordosten versperren Berge von zertrümmerten Häusern, Autos und Containern die Straßen und Häfen. In den Fluten treiben Häuser, gekenterte Boote und Autos. Schiffe werden an die Kaimauern geschleudert.

Als die Dunkelheit einsetzt, hocken alte Frauen, Männer und Kinder frierend in der Finsternis, da überall der Strom ausgefallen ist. "Es ist grauenhaft, grauenhaft", sagt eine Frau. "Ich mache mir Sorgen, dass mein Haus eingestürzt ist", sagt eine andere.

Es ist bitterkalt, in einigen Gebieten fällt Schnee. Die Einsatzkräfte versuchen, schnell Wasser, Nahrung und Medikamente herbeizuschaffen.

Auch in der Millionen-Hauptstadt Tokio stürzen die Regale in Geschäften ein, an einzelnen Stellen brechen Feuer aus. "So was habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, kein Zug, kein Gas, kein Telefon, kein Taxi, keine Lebensmittel in den Supermärkten", sagt eine Hausfrau. "Jeder hier in Tokio ist seit der ersten Erschütterung auf die Straße raus, sie gehen alle zu Fuß nach Hause." Auf dem Kopf tragen viele weiße Helme aus Furcht vor herabfallenden Trümmern.

 

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