Was passiert nach einem "Super-GAU" im japanischen Atomkraftwerk Fukushima? Eine radioaktive Wolke ist noch lange nicht alles, erläutert der österreichische Physiker Helmut Hirsch. Es droht auch Radioaktivität im Boden - und Strahlung bis in die Ewigkeit. Hirsch hat bei Hannover ein Büro als wissenschaftlicher Berater für nukleare Sicherheit.

Frage: Was ist das größte Risiko nach einem Super-GAU?

Helmut Hirsch: Die größte Gefahr ist, dass sich eine radioaktive Wolke bildet - und diese Wolke dann in Richtung der 36-Millionen-Region Tokio zieht. Eine solche Großstadt kann man nicht evakuieren.

Frage: Wie lange dauert es nach einem GAU, bis keine Radioaktivität mehr über eine Wolke freigesetzt wird?

Hirsch: Der Reaktorkern ist nach einigen Tagen ausgedampft. Der Rest ist dann einigermaßen stabil. Bei den Lagerbecken für Brennelemente im oberen Teil der Gebäude kann sich das länger hinziehen. Die Reaktionen dort laufen langsamer ab. Das ist schwer vorherzusagen. Es gibt dabei sicher eine Freisetzung über einen längeren Zeitraum.

Frage: Bei einer Kernschmelze zerfrisst die glühend heiße Masse aus dem Reaktorkern auch Stahlmäntel und Betonhüllen des Kraftwerks. Wie gefährlich wird das?

Hirsch: Bis sich die Masse durch Beton gefressen hat, vergehen Wochen. Das ist also erst längerfristig ein Risiko, aber auch gefährlich, weil Radioaktivität in den Boden gelangt.

Frage: Und danach bleibt für Fukushima als Sicherheit nur eine Schutzhülle wie in Tschernobyl?

Hirsch: Es wird erst einmal eine Notkonstruktion geben müssen - wie in Tschernobyl. Erst später kann man dann eine Überhülle bauen, einen Sarkophag, um die Strahlung einzuschließen. Reingehen kann man da wahrscheinlich sehr lange nicht. Bei der teilweisen Kernschmelze in Harrisburg 1979 hat es viele Jahre gedauert, bis die Techniker wieder in das Gebäude konnten. Und dieser Unfall war viel kontrollierter als der in Japan.

Frage: Und wie lange strahlt Fukushima dann möglicherweise noch?

Hirsch: Die Wärmeproduktion in Atomkraftwerken erfolgt zu 93 Prozent durch eine Kettenreaktion. Das kann man abschalten. Sieben Prozent der Wärme entsteht dadurch, dass radioaktive Stoffe im Kern sind und reagieren. Die Stoffe Cäsium und Strontium haben zum Beispiel Halbwertszeiten von 30 Jahren. Sie zerfallen also innerhalb von 300 Jahren. Plutonium aber hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren. Das strahlt noch eine halbe Ewigkeit. (dpa)