Millionen von Mexikanern haben wie in jedem Jahr bei Dutzenden von Kreuzweg-Prozessionen an das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu gedacht. Dieses Jahr kam ein Kreuzweg der Migranten hinzu. Sie protestierten gegen die anhaltende Gewalt.

Mexiko-Stadt (dpa). Mehrere Dutzend Migranten aus Guatemala und Aktivisten aus Mexiko haben sich in der Karwoche auf den Weg gemacht. Sie überquerten den südmexikanischen Grenzfluss Suchiate. Als sie in Mexiko ankamen, hielten sie den Fotoreportern Holzkreuze entgegen. Darauf stand: "Keine Entführungen mehr, keine Toten und keine Vergewaltigung von Frauen!"

Angesichts der anhaltenden Gewalt, der unter anderem in Acapulco in diesen Tagen fünf Frauen zum Opfer fielen, sind dies Stoßgebete der Verzweiflung. Wie vor 168 Jahren im Hochtal von Mexiko, wo damals die Menschen am Karfreitag zum ersten Mal auf den Sternenberg von Iztapalapa zogen, um Gott zu bitten, die Menschen vor dem Cholera-Tod zu bewahren. Daraus ist die weltweit wohl größte Beteiligung an Kreuzwegen geworden, an denen an diesem Freitag fast zwei Millionen Menschen teilnahmen.

Die Migranten veranstalteten ihren Kreuzweg entlang der Bahnlinie im Süden des Landes, wo schon Hunderte Männer, Frauen und Kinder aus Guatemala, El Salvador und Honduras ums Leben kamen, die von hier aus aufgebrochen waren, um durch Mexiko in die USA zu gelangen. Viele wurden von Jugendbanden oder korrupten Polizisten überfallen. Andere fielen müde vom Zug, wurden von ihm überrollt, starben oder verloren einen Arm oder ein Bein.

Doch wer bis zum Bundesstaat Oaxaca durchkam, wo am Freitag der Kreuzweg endete, für den war und ist der Leidensweg noch lange nicht zu Ende. Die Nationale Menschenrechtskommission veröffentlichte eine Landkarte von Mexiko, auf der die Orte eingetragen sind, wo Migranten seit Anfang 2010 Opfer eines Verbrechens geworden sind. Es ist eine Karte des Grauens mit 71 Tatorten in 16 Staaten. Es sollen rund 700 Tote sein, die gefunden wurden. Viele weitere gelten als verschollen.

Im vergangenen Jahr schreckte der grausame Massenmord an 72 Migranten aus Mittelamerika in San Fernando im Bundesstaat Tamaulipas die Menschen auf. Die mexikanische Drogenbande "Los Zetas" war dazu übergegangen, regelrecht Jagd auf die rechtlosen Migranten zu machen, sie zu erpressen und sie zu töten, wenn sie nicht zahlen konnten oder wenn sie sich nicht von den Kartellen anheuern ließen. An diesem grausamen Geschäft mit dem Tod beteiligen sich auch Mitglieder mexikanischer Institutionen.

Seit Anfang April wurden in San Fernando Massengräber mit insgesamt 177 Leichen gefunden. Entdeckt wurden sogenannte "Narco"-Gräber auch in Durango und anderen Staaten. Die Staatsanwaltschaft von Tamaulipas hat eigens Kühltransporter gemietet, um den Verwesungsprozess der Körper aus San Fernando bei deren Transport nach Mexiko-Stadt zu stoppen, wo sie identifiziert werden sollen.

"Unser Kreuzweg hat mit unserer Geburt in Armut begonnen", sagte Fernanda, eine Migrantin aus El Salvador, der Zeitung "Reforma", als der Kreuzweg der Migranten am Freitag in Ixtepec, Oaxaca, eintraf. "Und jetzt sind die Dinge noch viel schlimmer geworden, vor allem in Mexiko, wo wir immer mit einem Bein im Grab sind." In Mexiko-Stadt bereitete Kardinal Roberto Rivera die gläubigen Mexikaner auf die Leiden, aber auch auf die Wiederauferstehung Jesu zu Ostern vor, der schönste kirchliche Feiertag in Mexiko. Feierlich war das Gebet des Kirchenführers jedoch nicht. Der Kardinal forderte die Verbrecher auf, mit dem sinnlosen Töten aufzuhören und die Würde des Menschen zu achten.

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