Nicht nur in privaten Haushalten wandern Lebensmittel direkt aus dem Kühlschrank in den Mülleimer. Auch Supermärkte schmeißen viel zu viel weg – sei es Obst, Gemüse oder Brot. "Zynisch gegenüber Hungernden", klagen Kritiker. Lösungen werden dringend gesucht.

Berlin (dpa). Die angequetschte Tomate, das hartgewordene Weißmehlbrötchen oder der etwas schlappe Kopfsalat – in Supermärkten landen jeden Tag tonnenweise Lebensmittel im Abfallcontainer. Die Konzerne halten sich mit Zahlen sehr bedeckt. Ein Teil der Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, geht zwar an soziale Einrichtungen wie die zahlreichen Tafeln. Doch oftmals scheint es billiger zu sein, Waren einfach wegzuwerfen. Die Branche will jetzt genaue Daten sammeln.

In Deutschland werden jährlich rund 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Auch die Mengen, die beim Handel auf dem Müll landen, sind beachtlich, wie der Kölner Journalist und Filmemacher Valentin Thurn sagt – er spricht von einem Riesenproblem. Auch sein aktueller Kinofilm "Taste the Waste – Die globale Lebensmittelverschwendung", der in diesem Jahr auf den Berliner Filmfestspielen zu sehen war, hat dies zum Thema. Es sei allerdings sehr schwierig, in Deutschland genaue Zahlen zu ermitteln, berichtet Thurn. Andere Länder wie beispielsweise Großbritannien seien mit aktuellen Studien viel weiter.

In Nordrhein-Westfalen griff der grüne Verbraucherschutzminister Johannes Remmel die Praxis vieler Handelsunternehmen bereits im vergangenen Herbst scharf an, Lebensmittel in Massen wegzuwerfen. "Diese Verschwendung ist nicht nur zynisch gegenüber allen, die hungern, sie ist auch eine tägliche Vergeudung von vielen wertvollen Rohstoffen", betont Remmel.

Er findet, dass kurz vor Ladenschluss die Regale mit frischen Waren nicht mehr so voll sein müssen wie am Morgen. Auch kleinere Verpackungsgrößen könnten in einer Gesellschaft mit immer mehr Single-Haushalten helfen. Außerdem könnte noch besser mit den Wohlfahrtsverbänden und Tafeln zusammengearbeitet werden. Auf Bundesebene forderte Amtskollegin Ilse Aigner (CSU) ein Umdenken beim Handel.

Abgelaufene Ware lässt sich reduziert anbieten

"Ein Hebel ist da sicher die Optimierung der Warenwirtschaftssysteme", sagt Branchenvertreter Gerling. So müsse die Nachschubsteuerung noch verbessert werden. Da jedes Brötchen und jeder Joghurt beim Verkauf per Computerscanner ohnehin genau erfasst werde, sollte dies möglich sein.

Viel schwieriger sei es, die Sortimente zu reduzieren. Dies gehe wegen des scharfen Wettbewerbs gar nicht: "Kunden würden dann einfach zur Konkurrenz abwandern, wenn sie nur noch eine Sorte Kartoffel im Regal finden", so Gerling.

Bei Edeka heißt es, dass allein schon aus wirtschaftlichen Gründen das Interesse bestehe, "durch eine gute Disposition die Menge der aussortierten Lebensmittel so gering wie möglich zu halten. Bevor Lebensmittel weggeworfen würden, nutze man andere Möglichkeiten, diese "einer Verwendung zuzuführen".

Nach Ansicht von Verbraucherschützern ist aber auch das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ein Problem: "Der Verbraucher müsste vielmehr darüber aufgeklärt werden, dass das keineswegs ein Verfallsdatum ist", betont Frank Waskow von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Jeder Händler könne solche Waren durchaus mit einem speziellen Hinweis zu reduziertem Preis anbieten, statt sie einfach auf den Müll zu schmeißen. Gerade Joghurt und Marmelade seien oft auch nach Ablauf des MHD noch genießbar.