Astfeld/Goslar (dpa). Amelie ist erst vier Monate alt gewesen, ihre Schwester Laura gerade fünf Jahre. Alles deutet daraufhin, dass die 34 Jahre alte Mutter ihre Kinder getötet hat. Der gewaltsame Tod der beiden Schwestern lässt niemanden in ihrem Heimatdorf Astfeld am nördlichen Harzrand kalt. Die Zwillingsschwester von Laura soll nur um Haaresbreite dem Schicksal ihrer Schwestern entkommen sein. Im 2600-Seelendorf Astfeld sind alle schockiert, niemand versteht die Tat, es spricht aber auch niemand schlecht über die 34-Jährige.

Sie soll eine gute Mutter gewesen sein. Michael Blase von der Goslarer Polizei mutmaßt: "Vieles deutet darauf hin, dass die geschiedene und alleinerziehende Mutter nicht die seelische Stabilität für die Alltagsbelastungen hatte."

Das adrette Siedlungshaus steht in einer Sackgasse. An einem Busch wehen bunte Ostereier im Wind. Nichts deutet auf das tödliche Familiendrama, das sich am Dienstagmorgen hier ereignete. "Zum Motiv lässt sich noch nichts sagen", sagt Blase. Weder die Mutter noch die anderen Familienangehörigen sind bislang vernehmungsfähig.

Die überlebende Zwillingsschwester war am Dienstagvormittag zu ihrem Großvater gelaufen, der im Haus nebenan lebt. Sie hatte leichte Schnittverletzungen. Als der Mann ins Haus seiner Tochter kam, fand er das Baby tot in seinem Bett und seine fünfjährige Enkeltochter auf dem Flur in der oberen Etage. Beide Kinder haben viele Stich- und Schnittwunden. Friedrich-Wilhelm Sattler, Leiter der Ermittlungen, spricht von "massivem Blutverlust". Die Mutter selbst sei von den Beamten apathisch vorgefunden worden. Auch sie hatte Schnittwunden an den Händen. "Da gibt es keine Worte dazu", sagt Heidi Buchterkirchen. Die 68-Jährige kennt die Familie, hat früher in der Nähe gewohnt. "Das sind ganz anständige, liebe Leute", versichert sie. Die 17-jährige Tina Seiffert kannte die Familie flüchtig vom Tennisplatz. "Als ich das gehört habe, habe ich geweint", sagt die junge Frau. Die Familie sei immer nett gewesen, die Zwillinge so niedlich, bei der Hand hätten sie sich immer gefasst. Der Vater der Zwillinge, ein Lehrer aus Goslar, sei im selben Verein wie sie, erzählt die 17-Jährige.

Vor etwa einem Jahr soll die Ehe der 34-Jährigen mit dem Lehrer zerbrochen sein, die Scheidung wurde laut Polizei im Oktober vergangenen Jahres ausgesprochen. Die im Januar geborene Amelie ist von einem anderen Mann.

Die Trennung scheint die 34-Jährige nicht gut verkraftet zu haben. "Sie hat Hilfe gesucht und auch beim Jugendamt bekommen", sagt Fahnder Blase. Erst im März sei sie aus einer Klinik entlassen worden mit dem Hinweis, dass keine Eigengefährdung bestehe. Versäumnisse der Behörden könnten daraus nicht abgeleitet werden. Eine Trennung könne sicher belastend sein. Der Vater der Zwillinge hätte seine Töchter sicher auch gern bei sich gehabt. Das soziale Umfeld der Frau scheint in Ordnung gewesen zu sein, die Familie im Ort "normal" verankert.

Im Kiosk von Martina Müller sind alle Kunden betroffen. "Wenn so etwas in Berlin oder Bayern passiert, dann findet man das schrecklich. Aber hier bei uns im Dorf, das geht einem noch viel näher", sagt die 44-Jährige. Die 22-jährige Nicole Noé schiebt einen Kinderwagen in den kleinen Laden von Martina Müller. Ihre Tochter Leonie ist auch vier Monate alt. "Ich war Praktikantin im Kindergarten", erzählt die junge Mutter. Die Zwillinge seien dort auch gewesen. "Sie sahen so toll aus, waren immer toll angezogen", erinnert sie sich. Es sei immer gesagt worden, die 34-Jährige sei eine "ganz tolle Mutter". Mit einem Blick auf ihre kleine Tochter fügt die 22-Jährige hinzu: "Ich habe das zwar gehört, aber ich habe das noch nicht realisiert." Am frühen Abend wollte die Gemeinde von Astfeld in der kleinen Dorfkirche Abschied von Amelie und Laura nehmen.