Etwa 50 bis 60 Gruppen von Ureinwohnern Südamerikas ist es bisher gelungen, sich mehr als 400 Jahre nach dem Eintreffen der ersten Europäer in dem riesigen Amazonas-Regenwald weiter von der westlichen Zivilisation fernzuhalten. Aber sie sind bedroht.

BuenosAires (dpa). Ein Flugzeug braust im Tiefflug über den brasilianischen Regenwald. Plötzlich tauchen auf einer kleinen Lichtung Hütten mit Blätterdächern auf, daneben eine Gruppe von Ureinwohnern. Der Fotograf drückt auf den Auslöser, hält die Reaktionen der Menschen fest, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Erst erstaunt, dann erschreckt und schließlich kämpferisch starren sie in den Himmel, auf das Flugzeug, das ihnen vielleicht wie eine unbekannte, brüllende Bestie vorkommt.

"Wir wissen nicht, zu welchem Volk die Menschen gehören", sagt Alice Bayer von der deutschen Sektion der Menschenrechtsorganisation Survival International mit Sitz in London. "Dazu müsste man wissen, welche Sprache sie sprechen", sagt Bayer. Survival hat die Fotos von der brasilianischen Indianer-Behörde Funai bekommen und kürzlich veröffentlicht. Zwar setzen sich Organisationen schon seit langem für den Schutz der letzten Ureinwohner Südamerikas ein, aber nur mit solchen Fotos bekommen die Bedrohten ein Gesicht.

Bei guter Gesundheit

Auf den Bildern sind Kinder und Erwachsene mit Lendenschurz zu sehen. Sie scheinen bei guter Gesundheit zu sein – ganz anders als viele der Indianer, die am Rande südamerikanischer Großstädte in Armut leben. Die Menschen im Urwald haben Körbe mit frischem Maniok und Papayas dabei, ihre Körper sind rot oder schwarz bemalt.

Aber auch ein industriell hergestellter Kochtopf und eine Machete sind zu sehen. "Wir vermuten, dass sie die entweder bei anderen Indianern eingetauscht oder sie gefunden haben", sagt Bayer. Es gebe viele Gruppen, die ganz sporadischen Kontakt mit der Außenwelt hätten. Aus schlechten Erfahrungen mit Fremden hätten sie aber gelernt, solche Kontakte so weit wie möglich zu meiden.

Die Ureinwohner des heutigen Lateinamerikas wurden von den europäischen Einwanderern versklavt und teilweise ausgerottet. Auch die Bewohner des Amazonas-Regenwaldes in Brasilien, Peru, Bolivien und Ecuador sind grausam niedergemetzelt worden oder an eingeschleppten Krankheiten gestorben. Besonders schlimm war die Zeit des Kautschukbooms im 19. Jahrhundert, dem schätzungsweise 90 Prozent der zuvor dort lebenden Ureinwohner zum Opfer fielen.

Von Holzfällern bedroht

Die Indianer werden heute vor allem von illegalen Holzfällern im peruanischen Amazonasgebiet massiv bedroht. Die brasilianischen Behörden befürchten, dass Ureinwohner aus Peru über die Grenze nach Brasilien vertrieben werden, wo die Gruppen dann in Konflikte geraten könnten. "Es ist dringend notwendig, dass die peruanische Regierung den Holzfällern Einhalt gebietet", sagt Survival-Direktor Stephen Corry.

Ausland in der Pflicht

Der peruanische Umweltminister Antonio Brack räumte die Gefahr ein. Zugleich aber nahm er das Ausland in die Pflicht: "Der illegale Holzeinschlag lebt davon, dass dieses Holz auf den internationalen Märkten Käufer findet." So stammten zum Beispiel 26 Prozent des in die Niederlande importierten Holzes nicht aus Wäldern, die kontrolliert bewirtschaftet würden. Als großen Fortschritt bezeichnete er es deshalb, dass in die Europäische Union nun nur noch Holz eingeführt werden dürfe, das aus nachhaltig genutzten Wäldern stamme.

Einen ersten Erfolg konnte Survival vermelden: Nach der Veröffentlichung der Fotos kündigte das Außenministerium in Peru an, es wolle künftig eng mit der Funai zusammenarbeiten, um das Problem der illegalen Holzfäller und Ölsucher in den Griff zu bekommen.