Stuttgart - Was ist zu tun, wenn sich ein Schüler zu radikalisieren scheint? Die Frage beschäftigt Lehrer, Polizisten und Jugendarbeiter. Der Verfassungsschutz weiß Rat.

Ein Jugendarbeiter sitzt in einer Runde und sucht Rat bei seinen Kollegen. Ein 17-Jähriger kommt seit mehreren Wochen regelmäßig zu ihm, um Bewerbungen zu schreiben. Sie verstehen sich gut, der Junge ist offen. Auf dessen Facebook-Seite hat der Jugendarbeiter aber besorgniserregende Posts entdeckt: Dort wettert er gegen Merkel und Israel, spricht Liebesbekundungen für Hitler aus. Was soll er nun machen, fragt der Jugendarbeiter. Hilfesuchend blickt er in die Runde.

Die Situation ist nur nachgespielt. Die Kollegen sind eigentlich Teilnehmer einer Fachtagung des Verfassungsschutzes in Stuttgart, bei dem es um die Radikalisierung von Jugendlichen geht. Die sogenannte kollegiale Fachberatung ist eine Übung: Sie solle helfen für den Fall, dass etwa Lehrer oder Jugendarbeiter vor einem Problem stünden, erläutert der Leiter der Analysegruppe internationaler Extremismus und Terrorismus beim Landesamt für Verfassungsschutz, Benno Köpfer.

Der Fall ist aber echt: Bei dem 17-Jährigen aus Baden-Württemberg wurden Ermittlungen eingeleitet, das Haus durchsucht - bis das Verfahren eingestellt wurde. Köpfer fragt in die Runde: Hätte früher und besser reagiert werden können?

Wann und wie man eingreift, wenn die Gefahr besteht, ein Jugendlicher driftet in den Rechtsextremismus oder Salafismus ab - das ist nicht einfach. "Es gibt nicht den Maßnahmen-Katalog", sagt die Präsidentin des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, Beate Bube. Die Hilflosigkeit und der Frust ist auch unter den Lehrern, Polizisten, Jugendarbeitern und weiteren Teilnehmern der Tagung zu spüren.

"Ich habe mit Personen zu tun, die sich als Verlierer sehen, sich ungerecht behandelt fühlen", sagt eine Lehrerin an einer beruflichen Schule in Friedrichshafen. Ihre Schüler hätten oft Schwarz-Weiß-Ansichten, sprächen sich für die NPD aus. Einen Sozialarbeiter an der Schule gebe es nicht - deswegen will sie wissen, wie sie damit umgehen solle.

"Das Wichtigste ist, dass man an der Person dranbleibt, Vertrauen schafft und Interesse zeigt", sagt Monika Krenz, Referatin für Rechtsextremismus und -terrorismus beim Verfassungsschutz. Familie und Freunde könnten am ehesten erkennen, wann sich ein Jugendlicher anders kleide, neue Freunde habe und sich von seinem normalen Umfeld distanziere. "Doch zwischen der Person und Angehörigen ist das Verhältnis oft schwierig."

Wenn es brenzlig wird, gibt es auch Beratungsstellen, die Rat geben können: vom
"Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus" bis zum
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und
Hayat, einer Beratungsstelle gegen islamistische Radikalisierung in Berlin. Wichtig sei, achtsam zu sein, sagt Köpfer.


Oft sei die Fachberatung bei Einzelfällen wirkungsvoll, erläutert die Leiterin einer Einrichtung für Kinder- und Jugendhilfe, die ihren Namen nicht nennen will. Doch sie wünscht sich eine größere Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren, die mit dem Thema Radikalisierung in Berührung kommen. Das wird auch vom Verfassungsschutz befürwortet. Bube sagt: "Ziel muss sein, dass alle Stellen wissen, wer für wen der richtige Ansprechpartner ist." Eine pauschale Lösung gibt es nicht für das komplexe Thema Radikalisierung.