Bremen - Wie ein roter Faden zieht sich die Schusseligkeit von Pubertierenden durch den Alltag: Hausaufgaben? Ups, vergessen. Den Sportbeutel? In der Schule liegen gelassen. Doch schimpfen hilft nicht. Aber Geduld, Unterstützung und kleine Organisationstricks.

Fast zwei Wochen stand sein Fahrrad am Supermarkt. Mattes (13) hatte es dort beim Einkaufen abgestellt - und vergessen. "Ich bin danach zu Fuß nach Hause gegangen, hab gar nicht mehr daran gedacht, dass ich mit dem Rad da war." Ständig passieren dem Jungen aus Bremen solche Dinge.

"Das ist ganz normal für dieses Alter", sagt Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinderpsychatrie und -psychosomatik im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In der Pubertät fänden große Umbauprozesse im Gehirn statt. Ein rundum organisiertes und strukturiertes Denken, so wie Erwachsene es kennen, sei jetzt einfach noch nicht möglich.

Hinzu komme ein verändertes Zeitgefühl, sagt Schulte-Markwort: "Jugendliche haben Tage und Wochen nicht im Gefühl, sie leben sehr im Augenblick." Auch das Wörtchen \'gleich\', das Jugendliche auf die Bitte um Erledigungen gerne benutzen, sei zeitlich sehr dehnbar: "Die meinen wirklich gleich, auch wenn es dann in drei Stunden ist." Schulte-Markwort rät Eltern, sich darüber nicht aufzuregen, selbst wenn es anstrengend ist.

Auch Dieter Scholz, Coach und Elternberater aus Gundelfingen bei Freiburg, rät Eltern zu Gelassenheit: "Für die Kinder selbst ist die Vergesslichkeit ja schon anstrengend genug, da müssen die Eltern nicht noch zusätzlichen Druck machen." Die Phase der Pubertät sei generell geprägt von so vielen Anforderungen und Einflüssen, dass es nur eine logische Konsequenz sei, wenn Dinge durch das Raster fallen.

Dass in der nächsten Woche ein Zahnarzttermin ansteht, wird dann vielleicht einmal abgespeichert - abgerufen jedoch nicht: "Das Gehirn der Kinder ist mit anderen, wichtigeren Sachen beschäftigt", sagt Elisabeth Raffauf, Diplompsychologin und Autorin des Ratgebers "Pubertät heute" aus Köln. Viele Eltern fühlten sich dann persönlich angegriffen, wenn die Jugendlichen zum wiederholten Male genau das Gegenteil von dem tun, was sie kurz vorher noch versprochen haben.

Doch wie geht man konkret mit der Vergesslichkeit um? Müssen Eltern zum Erinnerungs-Boten werden? "Warum nicht?", fragt Scholz. "Wenn es den Eltern selbst wichtig ist, können sie doch kurz etwas sagen, anrufen oder eine SMS schreiben." Entscheidend dabei ist eine Balance zwischen Unterstützung und Freiheit: "Man darf den Kindern natürlich nicht den ganzen Tag hinterher telefonieren und alles managen. Sie dürfen ruhig noch eigene Erfahrungen machen."

Um ständigen Stress in der Familie zu vermeiden, sei ein grundsätzliches Gespräch geeignet. In ihm wird geklärt, wie man zukünftig mit Vergesslichkeiten umgeht und diesen vorbeugt. "Fragen Sie Ihr Kind, welche Unterstützung es gebrauchen kann", rät Scholz. Ob ein Zettel auf dem Küchentisch, ein Familienplaner, Erinnerungsnachrichten per Whats-App oder eine abendliche Besprechung des kommenden Tages: "Probieren Sie verschiedene Sachen aus."

Da Vergesslichkeit auch ein Zeichen von Überlastung sein kann, sei es zudem sinnvoll, den Terminkalender zu betrachten: "Allein die Ansprüche aus der Schule sind heute für viele Kinder schon eine enorme Belastung. Wenn dann noch viele Freizeitaktivitäten dazu kommen, läuft das Fass eben irgendwann über." Mehr Pausen, mehr Zeit für Müßiggang und Entspannung können den Teenagerkopf dann spürbar entwirren.

Literatur:


Elisabeth Raffauf: Pubertät heute. Ohne Stress durch die wilden Jahre, Beltz Verlag, 2014, 128 Seiten, 12,95 Euro, ISBN-13: 978-3407225108