Frankfurt/Main - Einzelkinder wie Elvis Presley, Natalie Portman und Nico Rosberg haben es zu internationalem Ruhm gebracht. Ohne Geschwister wächst in Deutschland etwa jeder vierte Minderjährige auf. Haben diese Kinder bessere oder schlechtere Chancen?

Leon hätte schrecklich gern einen Bruder. Jan hat manchmal Geschwister, wenn er bei seinem Vater ist. Und Marie findet es allein mit ihrer Mutter ganz okay. Rund 3,4 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland ohne Geschwister auf. Das ist etwa jeder vierte Minderjährige, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtet. Dieser Anteil ist seit Jahren ungefähr gleich. Aber wie entwickeln sich Einzelkinder in einer alternden Gesellschaft? Werden sie unter lauter Erwachsenen zwangsläufig verwöhnte Egoisten? "Das haben die Eltern in der Hand", sagt die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Paula Honkanen-Schoberth.

Vor allem in Großstädten und im Osten Deutschlands leben vergleichsweise viele Einzelkinder, wie Fachleute sagen. "Im Osten ist der Kinderwunsch stärker, viele Frauen sagen aber, ein Kind reicht", so erklärt das
Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Im Westen verzichteten dagegen gerade Akademikerinnen eher ganz auf Nachwuchs.


Im Vergleich zu Geschwisterkindern leben Einzelkinder öfter bei alleinerziehenden, unverheirateten oder getrennt lebenden Eltern, wie aus dem
Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München hervorgeht. Auch dies prägt das Leben der Jungen und Mädchen. "Bei einem Elternteil muss man aufpassen, dass das einzige Kind nicht so etwas wie ein Partnerersatz wird", sagt der Offenbacher Psychologe Werner Gross. Honkanen-Schoberth ergänzt: Wenn ein alleinerziehender Elternteil selbst wenig Bezugspersonen habe, könne es sein, dass das Kind ihm helfen wolle und sich damit überfordere.


"Einzelkinder bleiben länger auf die Eltern zentriert", stellt die DJI-Forschungsdirektorin
Sabine Walper fest. "Die Geschwistergemeinschaft hat zumeist sehr große Vorteile und Tragkraft." Sie sei in aller Regel die längste Beziehung, die einen durch das Leben begleite.


"Einzelkinder werden einerseits wie Prinzen und Prinzessinnen gepämpert und andererseits orientieren sie sich nur an Erwachsenen", sagt Psychologe Gross. Dies sei für die psychische Entwicklung nicht gut. Honkanen-Schoberth mahnt: "Eltern sollten schon darauf achten, dass ihre Kinder nicht so maßlos verwöhnt und überbehütet werden und ihnen alle Wünsche restlos erfüllt werden." Auch die Großeltern, Tanten und Onkel sollten dies nicht übertreiben.

Die Forschung zeige aber, dass das Vorurteil der egoistischen Einzelkinder nicht stimme. Im Gegenteil: "Einzelkinder können besser abgeben und teilen, weil sie nicht zu kurz gekommen sind", sagt Honkanen-Schoberth. Sie pflegten auch Freundschaften, weil diese für sie besonders wichtig seien. "Und sie sind in Cliquen beliebt."

Viele Einzelkinder würden gerade bei den Hausaufgaben und ihren Hobbys besonders gut gefördert und unterstützt, sagt Honkanen-Schoberth. "Dadurch sind viele relativ pfiffig und halten damit auch nicht hinterm Berg." Ihr Wortschatz und ihre Leistungen seien häufig gut. Manchmal liefen sie so Gefahr, in der Schule in eine Streberposition zu geraten.

"Bei Einzelkindern ist oft eine andere Form von Selbstsicherheit da", sagt Psychologe Gross. "Diese ist aber meist auch brüchig." Und: "Sie haben es nicht so gelernt, ihre Ellbogen zu nutzen, und können sich manchmal schlechter durchsetzen als Geschwisterkinder", ergänzt Honkanen-Schoberth. Sie rät Eltern von Einzelkindern, schon früh den regelmäßigen Umgang ihres Nachwuchses mit Freunden, Verwandten, Sport- und sozialen Gruppen zu fördern. So könnten sie schon früh lernen, sich auseinanderzusetzen und zu positionieren. "Kinder lernen schon im Krabbelalter voneinander."

Ob Einzelkinder selbst häufig nur ein Kind bekommen, ist wissenschaftlich nicht geklärt - zumal, weil selten beide Eltern Einzelkinder sind. "Die Daten des Generations and Gender Survey (einer Untersuchung zu Kindern und Eltern) zeigen in einer Auswertung für Österreich, Frankreich, Norwegen und Russland, dass Einzelkinder tatsächlich überzufällig nur ein Kind bekommen oder sogar kinderlos bleiben", sagt Walper. Sicher sei: "Erwachsene, die mit Geschwistern aufgewachsen sind, wünschen sich in der Regel selbst auch mehrere Kinder."


Fakten zu Familien mit mehreren Kindern
- 2013 lebten in 42 Prozent der Familien zwei minderjährige Kinder.

- 12 Prozent der Familien hatten drei, knapp 3 Prozent vier Kinder. Bei weniger als 1 Prozent lebten fünf oder mehr Kinder im Haushalt.

- Als Familie bezeichnet die Statistik Ehepaare, Lebensgemeinschaften sowie alleinerziehende Mütter und Väter.

- Wenn ein zweites Kind geboren wurde, lag 2012 der Abstand zum Geburtstag des ersten Kindes im Schnitt bei 4,1 Jahren.

- Zwischen dem dritten und zweiten Kind waren es 4,9, zwischen dem vierten und dritten Kind 4,5 Jahre.

- Bei Paaren mit mindestens drei Kindern sind die Rollen häufiger traditionell verteilt als bei Paaren mit weniger Nachwuchs - das heißt, der Vater ist öfter der Alleinverdiener.