Beim Kinderfasching gehört der Pirat zu den beliebtesten Kostümen : Kopftuch, Ohrring und natürlich die Augenklappe verwandeln jedes auch noch so brave Kind in den Schrecken der Meere. Ist der Trubel vorüber, wird der Schnurrbart abgeschminkt und die Augenklappe wandert in die Verkleidungskiste. Normalerweise. Für manche Kinder ist Fasching die einzige Zeit, in der sie völlig unauffällig sein können, denn sie tragen ihre Augenklappe Tag für Tag, das ganze Jahr hindurch. Sie leiden unter Amblyopie.

Dresden ( ddp ). Das griechische Wort bedeutet " stumpfes Auge " und ist eine der häufigsten Sehbehinderungen im Kindesalter. Fünf bis sechs Prozent aller Kinder sind betroffen, dennoch ist die sogenannte entwicklungsbedingte Schwachsichtigkeit bei den meisten Eltern, aber auch bei vielen Ärzten nur unzureichend bekannt.

Mit fatalen Folgen, denn der Erfolg dieser Behandlung mit der Augenklappe hängt entscheidend davon ab, wann die Sehstörung diagnostiziert wird. Der optimale Zeitpunkt liegt bereits in den ersten drei Lebensjahren. Oliver Ehrt, Oberarzt an der Augenklinik der Universität München, erklärt dies mit den entscheidenden Lernprozessen in dieser Zeit : " Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat es zwei Beine und zwei Augen. Aber wie die Beine das Laufen lernen müssen, so müssen die Augen auch das richtige Sehen noch lernen. Dieser Prozess findet in den ersten drei Lebensjahren statt. Wird er gestört, kann sich eine dauerhafte Schwachsichtigkeit entwickeln, wenn sie nicht umgehend behandelt wird. "

Eine häufige Ursache für eine Amblyopie ist das Schielen. " Beim Schielen gelingt es den Augen nicht, ein und denselben Punkt zu fixieren und es entstehen Doppelbilder ", erklärt der Neuropsychologe Uwe Kämpf von der TU Dresden. " Weil das Gehirn damit völlig überfordert ist, unterdrückt es einfach eines der beiden Bilder. " Da jeder Mensch unterschiedlich starke Augen besitzt, wird das Bild unscharf gestellt oder sogar ausgeblendet, das vom schwächeren Auge kommt. Auf den ersten Blick eine sinnvolle Lösung, aber da das schwächere Auge ab diesem Zeitpunkt nicht mehr gefördert wird, kann sich auch die Sehschärfe nicht voll entwickeln.

Stärkeres Auge

wird verschlossen

Auch starke Fehlsichtigkeit, also Kurz- oder Weitsichtigkeit, in den ersten Lebensjahren kann der Amblyopie zugrunde liegen, insbesondere dann, wenn beide Augen sehr unterschiedlich davon betroffen sind. Man spricht dann von Anisometropie. Manchmal sind darüber hinaus mechanische Beeinträchtigungen der Auslöser, etwa ein hängendes Augenlid oder Krankheiten wie der Graue Star, eine Trübung der Linse. Werden die Ursachen rechtzeitig erkannt, können sie beseitigt und das Fortschreiten der Sehschwäche gestoppt werden – bei Fehlsichtigkeit und leichtem Schielen beispielsweise, indem eine Brille verschrieben wird, bei Lidanomalien oder Grauem Star durch eine Operation.

Die Amblyopie selbst wird mit der sogenannten Okklusionstherapie behandelt : " Okklusion bedeutet Verschluss ", erläutert Kämpf : " Indem das stärkere Auge mit einem lichtdichten Pflaster verschlossen wird, zwingt man das schwächere Auge zum Arbeiten. Durch dieses Training bessert sich dessen Sehleistung. Für die Kinder ist die ‚ Augenklappe ‘ allerdings eine enorme psychische Belastung. Je älter sie sind, desto mehr verunsichern sie neugierige Blicke und Hänseleien. "

Doch nicht nur aus diesem Grund ist ein frühzeitiger Behandlungsbeginn wünschenswert : Bei rechtzeitiger Erkennung genügen oft wenige Stunden Abkleben am Tag, um nach einigen Monaten eine deutliche Verbesserung festzustellen. Ohne Behandlung schreitet die Schwachsichtigkeit jedoch weiter fort und zwar desto schneller, je jünger das Kind beim Auftreten der Sehschwäche ist. Je später sie entdeckt wird, desto schwieriger wird zudem die Behandlung : Ältere Kinder müssen das Pflaster nicht nur stunden-, sondern tageweise tragen. Wird die Amblyopie erst im Teenageralter entdeckt, sinkt der Behandlungserfolg auf ein Minimum und bei Volljährigen wird meist gar nicht mehr behandelt.

Aber woran erkennen Eltern, ob ihr Kind unter einer entwicklungsbedingten Sehschwäche leidet ? " Hier liegt das Problem ", bestätigt Oberarzt Erth : " Ein starkes Schielen fällt sofort auf, aber leichte Formen werden häufig übersehen. Auch Augenkrankheiten sind oft unauffällig. "

Seit langem fordern Augenärzte darum, dass eine Vorsorgeuntersuchung innerhalb der ersten drei Lebensjahre zur Kassenleistung erklärt werden muss. Doch bislang übernimmt in Deutschland lediglich die BKK Bayern die Kosten für eine augenärztliche Vorsorgeuntersuchung zwischen dem 20. und 27. Lebensmonat. Andere Länder sind erheblich weiter : In Schweden etwa konnte die Zahl der Kinder, die bei der Einschulung an Amblyopie leiden, durch konsequente Vorsorge auf ein Zehntel der normalen Fälle gesenkt werden.

Erth empfiehlt allen Eltern, die etwa 30 Euro für eine Vorsorgeuntersuchung notfalls aus eigener Tasche zu bezahlen. Auch sollte das Kind vom Augenarzt untersucht werden. " Selbst sehr gute Kinderärzte entdecken nur etwa 70 bis 80 Prozent aller Amblyopiefälle. Bestehen Sie außerdem darauf, dass die Augen Ihres Kindes vor der Untersuchung getropft werden. Aus falscher Rücksichtnahme verzichten manche Augenärzte darauf, es ist aber zwingend notwendig. " Wenn der Verdacht besteht, dass das Kind schielt, müssen die Krankenkassen die Kosten für die Untersuchung auch jetzt schon übernehmen.

Weitere

Informationen

Welche Faktoren das Amblyopie-Risiko erhöhen können, worauf Eltern achten sollten und wann welche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind, darüber informiert der Berufsverband der Kinderund Augenärzte unter augeninfo. de.

Das Vorsorgeprogramm der BKK Bayern steht unter bkk-lv-bayern. de.

Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e. V. ( BVA ) hat 2009 die Patientenbroschüre " Schielen und Amblyopie " herausgegeben, sie ist kostenlos erhältlich unter augeninfo. de oder beim BVA, Postfach 300155, 40401 Düsseldorf.

Buchtipp : Matthias Sachsenweger " Augenheilkunde ", Thieme, 2003, 44, 95 Euro, ISBN : 978-3131283122