Berlin / Veitshöchheim. Die reifen Beeren von Seidelbast, Pfaffenhütchen, Zaunrübe oder Maiglöckchen ziehen kleine Kinder magisch an. Mit ihren leuchtenden Farben verlocken sie zum Probieren. Was Kinder und auch Eltern oft nicht wissen: Diese Früchte sind stark giftig.

"Kinder essen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, besonders wenn es rot ist", sagt Ingrid Koch vom Giftnotruf Berlin. Gefährdet seien vor allem die Eineinhalb- bis Zweieinhalbjährigen, die im Garten unkontrolliert Pflanzen und Früchte kosten. Doch erhalte der Giftnotruf auch regelmäßig besorgte Nachfragen, wenn Schulkinder zum Beispiel den giftigen Goldregen für essbare Erbsenschoten gehalten haben. "Kinder kennen sich heute eher schlecht mit Pflanzen aus", sagt Medizinerin Koch.

Allein beim Giftnotruf Bonn, einer von bundesweit neun Giftinformationszentralen, gehen jährlich etwa 27 000 Anrufe ein. Mehr als die Hälfte der Anfragen betrifft Vergiftungsunfälle bei Kindern. Die Giftnotrufe geben jedem Anrufer rund um die Uhr Auskunft (Telefon Giftnotruf Berlin: 030 / 19240).

Vergiftungen durch Pflanzen treten hauptsächlich bei Kindern bis zum Ende des Grundschulalters auf. Glücklicherweise sind hierzulande nur wenige Gewächse so giftig, dass ihr Verzehr lebensbedrohliche Folgen haben könnte. Die meisten führen zu – teilweise allerdings erheblichen – Magen-Darm-Beschwerden.

"Wirklich gefährlich sind bei uns der Blaue Eisenhut und die Herbstzeitlose", sagt Ingrid Koch. Eisenhut gilt als giftigste Pflanze Europas. Sein Verzehr führt zu schweren Herzrhythmusstörungen. Die hochgiftige Herbstzeitlose mit ihren blass-violetten Trichterblüten wird häufig mit dem essbaren Bärlauch verwechselt.

Bei der Eibe gelten nach Auskunft der Bayerischen Gartenakademie bei Erwachsenen bereits 50 Gramm Nadeln als tödlich. Der Verzehr von Goldregen führt zu Erbrechen und Krämpfen. Und schon ein einziger Biss in die Engelstrompete kann zu Übelkeit, Sehstörung und Halluzinationen führen. Eine bekannte Giftpflanze im Garten ist auch der Fingerhut, der bei Verschlucken Erbrechen und Herzrhythmusstörungenverursacht. Bereits fünf der roten Beeren der Stechpalme (Ilex) können bei kleinen Kindern Erbrechen auslösen. Viele andere Giftpflanzen sind für Kinder aber eher unattraktiv. Dazu zählen Buchsbaum, Rhododendron oder Azaleen. "Harte grüne Blätter essen Kinder in der Regel nicht", sagt Koch.

Experten raten ausdrücklich davon ab, alle Pflanzen, von denen eine Gefahr ausgehen könnte, aus dem Garten zu verbannen. "Kinder lernen durch konsequente und klare Warnungen schon früh, dass sie keine Früchte, Blätter oder Zweige unbekannter Pflanzen in den Mund stecken dürfen", sagt Brigitte Goss von der Bayerischen Gartenakademie in Veitshöchheim.

Wissen ist wichtig

Auch Ingrid Koch warnt vor Panikmache: "Wir empfehlen keinesfalls, alle giftigen Pflanzen aus dem Garten auszureißen." Um Vergiftungen vorzubeugen, müssten Kinder am besten zu Hause trainieren, bestimmte Dinge nicht zu essen. Sonst werde Unbekanntes in Nachbars Garten unter Umständen besonders verlockend.

Eine wichtige Voraussetzung sei aber oft nicht erfüllt: "Eltern müssen wissen, was in ihrem Garten oder auf ihrer Fensterbank wächst und die Pflanzen kennen", betont Koch. Nur dann könnten sie ihre Kinder darauf hinweisen und im Notfall den Ärzten umgehend sagen, wovon ihr Kind gegessen hat. Koch weiß aus Erfahrung: "Für die meisten Eltern fängt aber erst dann die Suche nach dem Pflanzennamen an." Auch Gartengemüse ist nicht immer unproblematisch: Zum Beispiel sind grüne Stellen an Tomaten sowie Keime, Blüten, Früchte, Blätter und grüne Knollen der Kartoffeln giftig. Rohe Bohnen sind laut Medizinerin Koch nicht giftig, allerdings für die Hälfte der Menschen unverträglich: Die einen reagieren nach dem Verzehr mit heftigem Erbrechen, bei anderen passiert gar nichts. Auch eine verschluckte grüne Cocktailtomate könne zwar Beschwerden verursachen, sei aber nicht als gefährlich zu bezeichnen. "In welchem Maß Vergiftungserscheinungen nach dem Verzehr von Pflanzenteilen auftreten, hängt wesentlich von der Menge ab", sagt Ingrid Koch.

Wenn Eltern unsicher sind, ob ihr Kind giftige Pflanzenteile gegessen hat, sollten sie sich grundsätzlich an einen Giftnotruf wenden. Fachleute geben hier Tipps für die ersten Hilfsmaßnahmen und können unter Umständen auch schnell Entwarnung geben. "Eltern sollten nicht lange abwarten und sich womöglich umsonst Sorgen machen. Ein Anruf kann schnell Klarheit bringen", sagt Koch.

Auch Erwachsene sollten beim Umgang mit giftigen Pflanzen vorsichtig sein. Dazu gehört laut Brigitte Goss bei Pflegearbeiten das Tragen von Handschuhen oder das gründliche Reinigen der Hände sofort nach der Arbeit. (ddp)