Es kann ein Rauschen sein, es kann brummen, klingeln oder pfeifen : Millionen Menschen in der Bundesrepublik leben mit Geräuschen im Ohr, die nur sie selbst hören. Mediziner sprechen vom Tinnitus aureum. Der Weg zurück in die Stille ist nicht einfach, aber möglich.

Magdeburg. Gerhard R. kann es nicht mehr hören. Seit einem Dreiviertejahr piept es bei ihm im Ohr. Diverse Untersuchungen bei verschiedenen Ärzten lieferten keinen Hinweis auf eine organische Ursache. Er ist genervt, hat Konzentrations- und Schlaf probleme. Sein Beruf macht ihm keinen Spaß mehr, und auch in der Ehe kriselt es. Der 48-J ährige fühlt sich mit seinen Problemen alleingelassen – vor allem von den Ärzten, die keine Ursache fi nden können. Er ist fest überzeugt davon, dass er sich den " Terror in seinem Ohr " nicht einbildet. Deshalb ist er zunächst skeptisch, als er eine Überweisung in eine Kureinrichtung mit Schwerpunkt Tinnitustherapie in Schönebeck-Salzelmen bekommt. Doch nach einer dreiwöchigen Behandlung geht es Gerhard R. besser. Er fühlte sich danach weniger von seinem Tinnitus gequält, kann wieder ruhiger schlafen und sich konzentrieren.

" Ähnliche Schicksale sind nicht selten in Deutschland ", so Professor Jörg Frommer, Leiter der Abteilung psychosomatische Medizin am Magdeburger Uniklinikum. Er hat Dutzende intensiver Gespräche mit Menschen geführt, die sehr stark unter Tinnitus leiden. " Im schlimmsten Fall haben diese Menschen sogar Selbstmordgedanken ", so Prof. Frommer.

Schätzungen zufolge hören zwischen 35 bis 45 Prozent der Bevölkerung hin und wieder Ohrgeräusche, die keinen Bezug zur Außenwelt haben. Auslöser können zum Beispiel Entzündungen im Ohr, Innenohrkrankheiten, Durchblutungsstörungen und Stress sein. Auch Umweltgifte und verschiedene Medikamente können die Hörleistung verändern.

" Soweit möglich, richtet sich die Therapie nach der individuellen Ursache der Beschwerden ", so der auf die Therapie von Tinnitus-Kranken spezialisierte Magdeburger HNOArzt Hans-Georg Vitzthum. Hilfreich können zum Beispiel Medikamente zur Durchblutungsförderung nach einem Hörsturz sein. Auch ein Hörgerät kann manchmal den Tinnitus bessern, denn manche Patienten leiden gleichzeitig unter Hörverlusten. Umso mehr konzentrieren sie sich dann auf das Tinnitus-Geräusch.

Halten die Phantomgeräusche länger als drei Monate an, sprechen Mediziner von einem chronischen Tinnitus. " Leider gibt es noch immer die Meinung, dass man gegen den chronischen Tinnitus nichts machen kann ", so der Tinnitus-Experte Vitzthum. Das ist ein Irrtum, denn wie belastend ein dauerhaftes Ohrgeräusch empfunden wird, hängt weniger von der Art und der Lautstärke der Phantomgeräusche ab, als vielmehr davon, wie beides im Gehirn verarbeitet werden.

" Jeder Tinnitus kann behandelt werden ", sagt der HNOArzt. Nach Erkenntnissen der Hirnforschung ist bei einem chronischen Tinnitus die Hirnaktivität krankhaft verändert. Das zu ändern, ist möglich, erfordert aber viel Geduld und Mitarbeit des Betroffenen.

Therapien bei einem chronischen Tinnitus zielen auf eine Veränderung der Wahrnehmungsschwelle der Störgeräusche, denn wie störend ein Geräusch wahrgenommen wird, hängt weit weniger von der Art und der Lautstärke der Phantomgeräusche ab, als vielmehr davon, wie beides im Gehirn verarbeitet wird. Wer ständig gestresst ist und auch noch schlecht hört, wird sich durch den Tinnitus mehr psychisch belastet fühlen. In der Therapie werden Patienten darauf trainiert, ihren Tinnitus so wenig zu beachten wie die Atmung oder den Herzschlag. Dabei können auch technische Geräte, wie sogenannte Tinnitus-Masker helfen. Unterstützend wirken spezielle Klang- und Musik - therapien, autogenes Training oder Entspannungsübungen.

Andere Behandlungsansätze wie eine Sauerstoff-Ü berdruckbehandlung ( Hyperbare Sauerstofftherapie ) und die pulsierende Magnetfeldsignaltherapie ( PST ) sind beim chronischen Tinnitus nur in Ausnahmefällen erfolgreich, so HNO-Arzt Vitzthum.

Selbtshilfegruppen Sachsen-Anhalt : KOBES-Beratungsstelle in Magdeburg, Tel .: ( 0391 ) 620 83 20, E-mail : kontakt @ kobesmagdeburg. de. Deutsche Tinnitus-Liga : Tel .: ( 0202 ) 24 65 20 und ( 030 ) 20188316, E-mail : dtl @ tinnitus-liga. de. Viele praktische Infos für Mitglieder. Selbsthilfegruppen u. a. in Aschersleben, Merseburg und Halle. Taschenbuch : " Tinnitus lindern. Vorbeugung, sanfte und nachhaltige Heilung " von Maria Holl, Oesch Verlag, 12, 90 Euro, ISBN : 3035050058 Hörbuch : " Tinnitus – Wirksame Selbsthilfe durch Musiktherapie " mit 2 CDs von Annette Cramer, Karl F. Haug Fachbuchverlag, 22, 95 Euro, ISBN : 3830430078