Aachen / Kassel - Die Wirbelsäule hilft uns, aufrecht durchs Leben zu gehen. Damit die harten Wirbelkörper nicht schmerzhaft aneinander reiben, hat die Natur das Rückgrat mit Stoßdämpfern ausgestattet – den Bandscheiben. Löst sich eines dieser Schutzpolster schmerzhaft aus der Verankerung, sprechen Mediziner vom Bandscheibenvorfall.

" Beim Bandscheibenvorfall verschiebt sich Gewebe oder die Bandscheibe selbst und drückt auf im Rücken verlaufende Nerven ", sagt Professor Fritz Uwe Niethard, Direktor der Orthopädische Uniklinik Aachen. Außerdem komme es zum Verschleiß, da einzelne Wirbelkörper nicht mehr durch die schützende Bandscheibe getrennt werden.

" Der Patient leidet unter starken Rückenschmerzen. Man fühlt sich, als würde der Rücken durchbrechen ", beschreibt Niethard. Unter Umständen kann es außerdem zu Nervenausfällen z. B. in Armen oder Beinen kommen. Typisch ist, nicht mehr auf Zehen stehen zu können.

Da es bei anderen Erkrankungen zu ähnlichen Beschwerden kommt, ist die Diagnose schwierig. " So kann eine Nierenbeckenentzündung oder eine Schädigung der Knie zu vergleichbaren Symptomen führen ", sagt Professor Andreas Ferbert von der Neurologischen Klinik im Klinikum Kassel. " An die Bandscheibe sollte man denken, wenn dauerhaft Schmerzen im Gesäß, Bein oder am Rücken auftreten ", so Ferbert. Komme es außerdem in den Füßen zu einem Taubheits- oder Lähmungsgefühl, sollte der Besuch in der Praxis nicht hinausgezögert werden.

Erste Anlaufstelle ist der Hausarzt, der an einen Neurologen oder Orthopäden überweist. " 70 bis 80 Prozent der Diagnosen kann ein Facharzt durch ein Gespräch stellen ", erläutert Niethard. Bleiben Unklarheiten, gibt eine Untersuchung im Kernspin- oder Computertomografen Aufschluss.

Ist tatsächlich eine Bandscheibe aus ihrer Verankerung gerutscht, ist eine Therapie mit Medikamenten üblich. " Der Patient bekommt ein starkes Schmerzmittel ", sagt Ferbert. Anfangs sei zudem Bettruhe nötig. " Wie lange, dafür gibt es keine feste Regel. Das Beste ist aufzustehen, sobald es möglich ist ", sagt Ferbert. Nach einigen Tagen sollte mithilfe von Krankengymnastik der Muskelapparat im Rücken gestärkt werden, das verleihe Rückgrat und Bandscheiben eine Art natürliches Korsett.

Operieren muss ein Neurochirurg den Bandscheibenvorfall nur in etwa zehn Prozent der Fälle. " Nötig ist der Eingriff häufig, wenn es zu Nervenausfällen kommt ", sagt Niethard. Um den Defekt zu korrigieren, ist ein Schnitt über mehrere Wirbelkörper nötig. Durch den Wirbelkanal beseitigt der Arzt störendes Gewebe an den Wirbelkörpern.

Wie schnell ein Bandscheibenvorfall ausheilt, ist unterschiedlich. Mitunter wenige Wochen, einige leiden viele Monate unter den Symptomen. " Deshalb ist es wichtig, dass nach der Behandlung der Verschleiß und mögliche Nervenausfälle von Ärzten im Auge behalten werden ", so Niethard. Die Gefahr, dass es an identischer Stelle zu einem weiteren Vorfall kommt, liegt bei etwa zehn Prozent.

Treffen können die Beschwerden im Rücken und Nervenbereich jeden. " Laut einer skandinavischen Studie sind aber besonders Raucher und Übergewichtige sowie Sportler, die schwere Gewichte heben, betroffen ", erläutert Niethard. Zudem erhöhe Bewegungsmangel das Risiko. " Regelmäßig zu laufen oder schwimmen zu gehen, ist deshalb eine gute Prophylaxe ", sagt Ferbert.