Köln / Stuttgart - Wer als Kurzsichtiger keine Brille tragen möchte, hatte bisher nur zwei Möglichkeiten : Kontaktlinsen oder eine Laseroperation, bei der die Hornhaut teilweise abgehobelt und so die Fehlsichtigkeit weitgehend korrigiert wird. Nun breitet sich eine dritte Methode aus : die Orthokeratologie-Linsen.

Mit Orthokeratologie-Linsen, also speziellen harten Kontaktlinsen, wird die Hornhaut des Auges über Nacht wie Knetmasse modelliert und so in Form gepresst, dass man am Tag auch ohne Sehhilfe scharf sehen kann. Die Verformung dieser durchsichtigen Schutzschicht über der Pupille hält bis zum Abend an und damit auch das klare Sehen.

Die Idee der Ortho-K-Linsen ist bereits einige Jahrzehnte alt. Aber erst mit technischen Verbesserungen mauserten sie sich zur Alternative für die Laseroperation. " Seit Ende der neunziger Jahre werden vierkurvige Linsen verwendet, die aus hochsauerstoffdurchlässigem Kunststoff bestehen ", erklärt Gerald Böhme, Augenarzt in Backnang bei Stuttgart. " Der Charme der Methode liegt darin, dass die Veränderung an der Hornhaut sich wieder rückgängig machen lässt. " Dagegen werde bei der Lasertherapie das Auge unwiederbringlich verändert.

Einige Monate nach dem Absetzen der Ortho-K-Linsen wölbt sich die Hornhaut wieder in ihre ursprüngliche Form. Danach kann man zur Brille oder zu herkömmlichen Kontaktlinsen wechseln. " Die Ortho-K-Linsen kommen vor allem für Patienten infrage, die Tageslinsen oder eine Brille nicht tragen wollen oder nicht gut vertragen. Das ist zum Beispiel bei einigen Berufen in staubiger Umgebung der Fall, etwa bei Bäckern. Allerdings kann nur eine Kurzsichtigkeit bis zu 4, 5 Dioptrien ausgeglichen werden ", weiß Böhme.

Ob sich die harten Speziallinsen in der Nacht angenehm anfühlen und auch nicht den Schlaf stören, muss jeder selbst ausprobieren. " Etwa ein Viertel der Patienten, die die Linsen testen, setzen sie wieder ab ", berichtet Andreas Berke, Dozent an der Höheren Fachschule für Augenoptik in Köln. Die übrigen seien zufrieden.

In einer Studie mit 100 Ortho-K-Trägern konnte Berke nachweisen, dass die Sicht im Laufe des Tages kaum nachlässt. Dies galt lange Zeit als umstritten. Aber : " Die Sehschärfe veränderte sich bis zum Abend in unserer Studie nur um eine viertel Dioptrie. Das ist so wenig, dass es von vielen nicht einmal wahrgenommen wird ", sagt Berke. Rund die Hälfte der Probanden musste die Linsen auch nur jede zweite Nacht einsetzen, um an den folgenden beiden Tagen scharf zu sehen.

Kassen unterstützen Methode noch nicht

" Ungeeignet ist die Ortho-K-Methode allerdings für das Autofahren in der Dämmerung oder in der Nacht – unabhängig davon, ob die Linsen gerade getragen werden oder nicht ", schränkt Berke ein. Denn ähnlich wie nach einer Laseroperation werden mit den Speziallinsen im Dunklen Lichter falsch erkannt. Rücklichter erscheinen beispielsweise oft doppelt, und die Entfernung eines nahenden Fahrzeugs kann häufig nicht richtig eingeschätzt werden.

Da die Linsen die Augenoberfl äche millimetergenau verformen, müssen sie individuell angepasst werden. Dazu wird die Krümmung der Hornhaut exakt vermessen und zunächst eine Probelinse angefertigt. " Oft muss die Linse nachjustiert werden, damit sie ähnlich einer Saugglocke richtig fest sitzt ", hebt Böhme hervor. Nur so ist gewährleistet, dass die Linsen in der Nacht nicht von der Pupille rutschen und dennoch frei beweglich bleiben.

Trotz dieser individuellen Maßanfertigung kann es passieren, dass die Linse morgens am Auge festklebt. Helfen auch Benetzungstropfen nicht, muss der Augenarzt sie unter örtlicher Betäubung entfernen. " Wir wissen nicht, wie oft das Anhaften der Ortho-K-Linsen vorkommt, da es keine Langzeitstudien gibt ", räumt Böhme ein. " Die Linsen haben aber das Potenzial, sich weiterzuentwickeln. Sie werden sich in den kommenden Jahren wohl weiter ausbreiten ", erwartet er.

Derzeit dürfte allerdings der Preis viele Fehlsichtige daran hindern, sich mit der neuen Sehhilfe anzufreunden. Ein Paar samt individueller Anpassung kostet 200 bis 300 Euro. Hinzu kommen rund 50 Euro für die vierteljährliche Untersuchung beim Augenarzt oder Optiker. Die gesetzlichen Krankenkassen unterstützen die Methode bislang nicht.