Hamburg - Immer mehr Kliniken, Psychologen und Ärzte setzen auf Musik als Therapieform, Hobby-Musiker schätzen ihre entspannende Wirkung. Musik ist Medizin für die Seele. Davon ist Dorothea Schönhals-Schlaudt überzeugt. Wenn die Musiktherapeutin des Psychoonkologischen Dienstes die Behandlungsräume in der " Dr. Horst Schmidt Klinik " in Wiesbaden betritt, setzt für die dort behandelten Krebs-Patientinnen die Entspannungsphase ein.

Binnen weniger Minuten sind die Infusionsnadeln der Chemotherapie fast vergessen. " Die Gedanken der Frauen drehen sich oft im Kreis. Musik hilft ihnen, sich zu entspannen, ihre innere Ordnung und Ausgeglichenheit wiederzufinden ", sagt Dorothea Schönhals-Schlaudt.

Trost und Unterstützung, Schmerzlinderung, Steigerung der Lebensqualität – die Liste der Vorteile der Musiktherapie ist lang. " Während der Chemotherapie stellen wir immer wieder fest, dass die Ängste der Patientinnen reduziert werden, sogar die Übelkeit nach der Infusion ist nicht so schlimm wie befürchtet ", hat die Musiktherapeutin festgestellt.

Auf die Musik wolle bei dem therapeutischen Konzept mitt lerweile niemand mehr verzichten. " Viele meiner Patientinnen empfi nden sie als so wohltuend, dass sie sie auch in Behandlungspausen zu Hause einsetzen, um sich zu entspannen. Eine Krebspatientin ist sogar wieder in einen Chor eingetreten ", erinnert sich Schönhals-Schlaudt.

Von der heilsamen Wirkung der Musik ist auch Musiktherapeut Wolfgang Bossinger überzeugt. Seit 20 Jahren beschäftigt sich der 45-J ährige mit der Erforschung des heilenden Potenzials von Musik und Gesang und hat seine Erfahrungen in dem Buch " Die heilende Kraft des Singens " zusammengefasst. Er ist sich sicher : " Musik ist das beste Antidepressivum ohne Nebenwirkung. " Zudem wirke sie sich positiv auf das Immunsystem, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das allgemeine Wohlbefi nden aus. " Manchmal frage ich mich, warum man immer nur über Sport redet. Musizieren ist mindestens genauso gesund ", sagt der Experte. Gerade das gemeinsame Singen, einst Bestandteil jeder Familienfeier, gerate aber immer mehr in Vergessenheit. " Diese Entwicklung bedauere ich sehr. Das Singen kann geradezu Glücksgefühle freisetzen, einen wahren Hormoncocktail. Und das ganz ohne Medikamente ", so Bossinger.

Die Ausrede, man sei überhaupt nicht musikalisch, gelte nicht, sagt Stefan Flach, Vorsitzender des Berufsverbandes der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Deutschland ( BVM ). " Musik ist eigentlich in jedem Menschen angelegt ", sagt er. Die positive Wirkung zeige sich schnell, ob im Rahmen einer Therapie oder im privaten Kreis. In der professionellen Therapie sei sie oft nur die Einleitung für tiefer gehende Gespräche. Denn Musik öffne Herzen und sei der direkte Weg zu den Gefühlen.

Wer nicht nur in einen Chor eintreten oder im Orchester musizieren möchte, sondern unbewältigte Probleme aufarbeiten will, könne sich auch außerhalb von Krankenhäusern an professionelle Musiktherapeuten wenden, erklärt Stefan Flach. " Wie bei jeder anderen Therapieform kann der Klient an Probesitzungen teilnehmen. Denn die Chemie zwischen Klient und Therapeut muss stimmen ", sagt Flach. Der BVM stehe als Ansprechpartner bei Fragen zur Musiktherapie zur Verfügung, beantworte Fragen rund um das Therapieangebot.

" Wichtig ist es, das Musizieren als Freude und Bereicherung zu empfi nden. Wer nur perfekt Singen oder ein Instrument spielen möchte, wird die wohltuende Wirkung womöglich nicht erfahren ", sagt Wolfgang Bossinger. Es gehe im Wesentlichen darum, die Musik zu genießen, fernab von jeglichem Leistungsdruck. Ob unter der Dusche, im Auto, mit der Familie oder im Chor. Bei der Dosierung der Medizin " Musik " gibt es eine pauschale Empfehlung für jeden : Am besten täglich.