Magdeburg l Beim urologischen Jahressymposium werden etwa 300 Experten aus der ganzen Bundesrepublik in Magdeburg zusammenkommen. Nutzen und Risiken neuer Krebstherapien in der Urologie werden dort unter anderem diskutiert. Prof. Dr. Martin Schostak vom Universitätsklinikum Magdeburg gibt im Interview erste Einblicke.

Volksstimme: Zum fünften Mal laden Sie Fachexperten aus der ganzen Bundesrepublik zu einem urologisch-onkologischen Symposium ein. Wo liegen diesmal die inhaltlichen Schwerpunkte?

Martin Schostak: Es sind die häufigsten Krebsarten in der Urologie, wie Blasen-, Nieren- und nicht zuletzt der Prostatakrebs des Mannes. Auf dem Symposium werden dazu Experten ihres Fachs aktuelle diagnostische Methoden sowie medikamentöse, operative und Strahlen-Therapien vorstellen. Die Vielfalt der Diagnostik und der Behandlungsmöglichkeiten hat in jüngster Zeit stark zugenommen. Wissenschaftlich umstritten ist mitunter, welches neue Therapieregime für bestimmte Patientengruppen das Beste ist. In Pro- und Contra-Vorträgen werden wir diese fachlichen Kontroversen thematisieren und Schlüsse für die gegenwärtige Praxis ziehen.

Vor wenigen Wochen wurde die bislang größte vergleichende Therapiestudie für Männer mit lokal begrenztem Prostatakrebs (PREFERE) vorzeitig beendet. Die Studie sollte Patienten mit einem Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom eine objektive Entscheidungshilfe geben, welche Behandlungen die besten Überlebenschancen bieten. Die Urologische Universitätsklinik Magdeburg war ein Studienzentrum. Warum wurde die Studie vorzeitig beendet?

Die PREFERE-Studie ist ein Projekt, welches ich aus tiefstem Herzen unterstützt habe. Leider haben wir auch nach vier Jahren nicht ausreichend Studienteilnehmer gewinnen können. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der wahrscheinlich wichtigste Grund ist, dass der zufällige Entscheid bei Patienten nicht gut ankam. Ich empfinde den Abbruch dieser Studie als eine tiefgreifende Blamage für die Bundesdeutsche Urologie.

Bilder

Welche Konsequenzen folgen daraus?

Am zertifizierten Prostatakrebszentrum der Urologischen Uniklinik Magdeburg werden wir auch weiterhin jeden Patient neutral über alle für ihn zur Verfügung stehenden Therapieoptionen beraten. Ich sehe deshalb keine unmittelbaren Konsequenzen aus dem PREFERE-Studienabbruch für unser Vorgehen. Ich bin der Auffassung, dass vor allem die aktive Überwachung nach Ende der PREFERE-Studie einen besonderen Stellenwert in der Bundesrepublik Deutschland haben wird.

Zu den modernsten Behandlungsmöglichkeiten zählen die fokalen Therapien wie beispielsweise „HIFU“. Worum handelt es sich bei HIFU? Wie bewerten Sie die Therapieerfolge der fokalen Therapien beim Prostatakrebs?

HIFU zählt derzeit zu den experimentellen Verfahren, deren Nutzen im Rahmen von klinischen Studien noch untersucht wird. Die Ergebnisse nach den ersten Jahren mit einer fokalen Therapie sind extrem ermutigend. Der tatsächliche Wert dieser Verfahren wird erst in einigen Jahren bewiesen sein.

In den vergangenen Jahren gab es viele Kontroversen über die Prostatakrebs-Früherkennung. Sie haben an der Entwicklung der aktuellen S3-Prostatakrebsleitlinie teilgenommen. Warum ist ein PSA-Screening nicht in jedem Fall zu empfehlen?

Die internationalen Studien rund um die Früherkennung haben zu einem zurückhalternden Einsatz des PSA-Blutwertes geführt. Zwar ist der PSA-Wert der beste Tumormarker in der gesamten Medizin. Allerdings ist er auch derart empfindlich, dass er vor allem bei älteren Männern mit begrenzter Lebenserwartung zu zahlreichen überflüssigen Diagnosen und Behandlungen geführt hat, die keinen primär lebensrettenden Charakter hatten. Auch bei besonders jungen Männern wurden viele Karzinome aufgedeckt, deren Therapien in weiterer Folge die Lebensqualität stark beeinträchtigt hatten.

Ab welchem Alter sollte eine PSA-Kontrolle zur Früherkennung eines Prostatakarzinoms durchgeführt werden?

In den aktuellen S3-Leitlinienempfehlungen wurde die Prostatakrebs-Früherkennung auf das 45. Lebensjahr angehoben. Dazu zählen die rektale Prostata-Abtastung sowie die PSA-Wert-Kontrolle nach einem aufklärenden Gespräch mit einem Urologen. Die PSA-Kontrolle ohne Verdacht ist nach wie vor keine verpflichtende Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Lediglich wenn sogenannte familiäre Krebsbelastung besteht, sollte schon ab dem 40. Lebensjahr ein Früherkennungsprogramm durchgeführt werden.

So wie viele Frauen Angst vor der Diagnose Brust- oder Gebärmutterkrebs haben, haben viele Männer Angst vor dem Prostatakrebs. Ist Angelina Jolie, die sich vorsorglich Brust und Eierstöcke entfernen ließ, vielleicht auch ein Vorbild für Männer mit einem erhöhten Prostatakrebs? Konkret gefragt, ist eine vorsorgliche Prostata-Entfernung im Alter empfehlenswert?

Die prophylaktische Prostatektomie ist ein provokatives Thema, das auf dem Magdeburger Kongress diskutiert wird. Der Zusammenhang zwischen genetischen Dispositionen (Anm. d. Redaktion: erbliche Veranlagungen) und dem tatsächlichen Erkrankungsrisiko ist bei Prostatakrebs weniger eindeutig als beim erblich veranlagten Brust- bzw. Gebärmutterkarzinom. Gegenein- ander abzuwägen wäre ein möglicherweise geringeres Prostatakrebs-Risiko mit den Nebenwirkungen vorbeugender operativer oder strahlentherapeutischer Therapien – zum Beispiel Inkontinenz. Wenn überhaupt, würden von einer prophylaktischen Prostatektomie vermutlich nur wenige Höchstrisikopatienten profitieren. Gegenwärtig gibt es für eine vorsorgliche Prostata-Entfernung keine allgemein akzeptierten Empfehlungen.