Wie Tausende andere Schüler in Sachsen-Anhalt hat Carolin Becker gerade ihr Zeugnis erhalten und freut sich auf die vor ihr liegenden Sommerferien. Ab August wird die junge Magdeburgerin die siebte Klasse besuchen. Ihre Mutti sieht dem Start ins neue Schuljahr mit Sorge entgegen.

Tochter Carolin gehört zu jenen Magdeburger Schülern, die wegen der Sanierung der Sekundarschule "August Wilhelm Francke" in der Apollostraße in Magdeburg-Reform vorübergehend in einer Schule in Lemsdorf unterrichtet werden. Ein täglich langer Schulweg steht dem Mädchen dann bevor, den sie nicht etwa auf eigenen Wunsch der Familie auf sich nimmt.

Annette Becker hatte für ihre Tochter eine kostenlose Schülerjahreskarte beantragt, damit Carolin sicher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule gelangen kann. Die wurde vom Amt abgelehnt, weil der Weg von der Wohnung bis zur Schule nur 2,42 Kilometer lang sei. "Ich habe im Internet fast jeden Routenplaner durchforstet und alle zeigen eine Strecke zwischen 2,52 und 2,71 Kilometer an", schrieb Annette Becker, die auch unter Sicherheitsaspekten den künftigen Schulweg zu Fuß für bedenklich hält.

Dort befindet sich eine zweispurige Abfahrt vom Magdeburger Ring ohne Lichtsignalanlage. "Die Autos fahren mit hohem Tempo ab und halten erst hinter dem Fußweg an der Haltelinie. Die Fahrer haben dort schlechte Einsicht auf Fußgänger. Nun habe ich Angst, dass meinem Kind auf dem Schulweg etwas passieren könnte. Die monatliche MVB-Fahrkarte aber kann ich mir nicht leisten, da ich alleinstehend und nur Geringverdienerin bin und zusätzlich Hartz IV erhalte."

Auf Anfrage der Volksstimme wurde der Sachverhalt nochmals bei der zuständigen städtischen Behörde überprüft. Vom 1. August 2009 bis 16. Februar 2011 dauert die Sanierung des Schulstandortes Apollostraße. Derweil werden die Schüler am Schulstandort Bodestraße unterrichtet. Sekundarschüler der 5. und 6. Klassen, die deshalb einen Schulweg von mindestens zwei Kilometern zurücklegen müssen, haben gemäß der städtischen Satzung zur Schülerbeförderung Anspruch auf eine kostenlose Schülerjahreskarte, so die Auskunft aus dem Rathaus. Den älteren Schülern der 7. bis 10. Klasse traut man einen Fußweg von 2,5 Kilometer zu, ehe man ihnen satzungsgemäß die Jahreskarte finanzieren würde.

Der Fachbereich Schule und Sport hat nun erneut geprüft, ob auch die Tochter von Frau Becker diesen Anspruch hat. Dazu wurde der Schulweg mit einem Präzisionsmessgerät abgelaufen – von der Arnold-Zweig-Straße über die Kellermann-,Salbker,Brennecke-und Blankenburger Straße zum Schulgebäude in der Bodestraße 1. Die Messung ergab eine Länge von 2,426 Metern.

Alternativ dazu prüfte der Fachbereich einen weiteren Streckenvorschlag, den Frau Becker unterbreitet hatte. Dieser ist – mit einer kürzeren Verbindung von der Arnold-Zweig-Straße zur Leipziger Straße –insgesamt 2,141 Meter lang. "Damit hat die Tochter von Frau Becker leider keinen Anspruch auf eine kostenlose Schülerjahreskarte, weil beide Wege kürzer als 2,5 Kilometer sind", teilte die Stadtverwaltung mit. Außerdem habe der Fachbereich nochmals die Sicherheit des Schulweges geprüft.

Ergebnis: Beide Strecken erfüllen die Sicherheitsanforderungen. "Der Zustand der Fußwege ist gut, die Beleuchtung voll funktionstüchtig. Verkehrsknotenpunkte sind durch Lichtsignalanlagen gesichert", so das amtliche Fazit. Weil in der Brenneckestraße eine Abfahrt des Magdeburger Rings passiert werden muss, wird der Schülerin empfohlen, den Fußweg auf der anderen Straßenseite zu nutzen, da die dortige Abfahrt besser eingesehen werden kann.

"Die Einkommensverhältnisse der Familien können bei der Beantragung von Jahreskarten für Sekundarschüler leider nicht berücksichtigt werden, weil dafür weder das Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt noch die Satzung über die Schülerbeförderung der Landeshauptstadt Magdeburg eine rechtliche Grundlage bieten", teilte die Behörde noch mit.

"Mein Kind braucht vor allem auch in der dunklen Jahreszeit eine Fahrkarte, um sicher zur Schule zu kommen, da ich sie nicht stets bringen und abholen kann", entgegnet Mutter Becker.

Sie will nun versuchen, die 25 Euro für die Monatskarte vom schmalen Haushaltsbudget abzuknapsen. "Es soll ja bald ein klein wenig mehr Hartz IV geben ...", sagt sie.