Frage: Unser Sohn ist vier Jahre alt und benutzt zum Malen, Schneiden, Essen und für andere einhändige Tätigkeiten mal die rechte und mal die linke Hand. Ist er Rechts- oder Linkshänder? Müsste er sich in diesem Alter auf eine Hand festlegen? Wie können wir ihn unterstützen? Es antwortet Prof. Dr. Gerhard Jorch, Direktor der Universitätskinderklinik Magdeburg.

Obwohl die genetischen Grundlagen noch nicht in allen Einzelheiten bekannt sind, wird davon ausgegangen, dass bei den meisten Kindern eine Veranlagung zur Bevorzugung der rechten Hand insbesondere bei anspruchsvollen feinmotorischen Tätigkeiten besteht. Schon bei Neugeborenen konnte in Studien nachgewiesen werden, dass der Greifre ex in Abhängigkeit von Geschlecht, Hormonspiegel und Geburtsgewicht Seitenunterschiede aufweist. Allerdings schwanken die Expertenschätzungen über den Anteil der "geborenen" Rechtshänder zwischen 65 und 95 Prozent.

Bei den anderen Kindern besteht entweder keine ausgeprägte Überlegenheit einer Hand oder sogar eine angeborene Überlegenheit der linken Hand.

Durch Training können die genetisch vorgegebenen Möglichkeiten beider Hände gefördert oder auch vernachlässigt werden. Das erklärt, warum "geborene" Linkshänder durchaus noch zu Rechtshändern werden können, wie auch geborene Rechtshänder, zum Beispiel nach Verlust der rechten Hand, noch viele Fertigkeiten einschließlich Schreiben mit der linken Hand erlernen können. Gute Pianisten müssen ohnehin beidhändig feinmotorische Leistungen auf hohem Niveau erbringen.

Während man früher vertrauend auf die Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Gehirns versuchte, alle "geborenen" Linkshänder auf Rechtshändigkeit umzuschulen, weil die Bedienung einer Reihe von Geräten im zivilisierten Leben diese voraussetzt, weiß man heute, dass man dadurch mindestens einem Teil der "geborenen" Linkshänder die Chance nimmt, ihr persönliches Optimum feinmotorischer Leistungsfähigkeit zu erreichen. Außerdem wird die erlebte Umschulung auf rechts von vielen "geborenen" Linkshändern als Stress oder sogar Diskriminierung empfunden.

Linkshändigkeit hat im zivilisierten Leben Vorteile und Nachteile. Während sie beim Schreiben mit Tinte und Verwendung eines Korkenziehers nur lästig ist, kann sie bei der Arbeit mit elektrischen Bohrmaschinen (Sicherheitsabschaltung) und Bedienung von Schusswaffen (Sicherungshebel) riskant sein. Das Schneiden mit der Schere ist mit der linken Hand sehr erschwert. Bei einigen Sportarten ist Linkshändigkeit ein Vorteil.

Ob die Tatsache, dass die meisten der zuletzt gewählten US-Präsidenten Linkshänder waren, als Beleg für die Überlegenheit von Linkshändern angesehen werden kann, möge der Leser entscheiden. Es ist aber immerhin denkbar, dass die höheren Anforderungen, denen ein Linkshänder im täglichen Leben ausgesetzt ist, zu einer größeren geistigen Beweglichkeit und außergewöhnlichen Leistungen zwingen. Zur Linkshändigkeit gibt es viele Spekulationen. So werden Verbindungen zwischen Recht sschreibschwäche und erzwungener Rechtshändigkeit hergestellt wie auch Verhaltensstörungen als Folge von nicht erkannter Linkshändigkeit beschrieben.

Beim derzeitigen Kenntnisstand ist folgende Vorgehensweise sinnvoll: Bereits im Vorschulalter können Eltern und Erzieher in Kindertagesstätten durch Spielbeobachtung eine Neigung zur Linkshändigkeit beim Malen, Basteln und Greifen von kleinen Gegenständen erkennen. Eine gezielte neurologische Untersuchung beim Kinderarzt, gegebenenfalls ergänzt durch einen entwicklungspsychologischen Test, kann die Ausprägung der Linkshändigkeit präzisieren. Sollte diese ausgeprägt sein, ist es sinnvoll, komplexe Leistungen wie Schreiben mit der linken Hand zu erlernen.

Übrigens werden Seitenunterschiede nicht nur beim Gebrauch der Hände beobachtet. Auch beim Sehen, Hören und Gebrauch der Beine haben viele Menschen eine "Zuckerseite".