Berlin (dpa) l Die mit Ertragsproblemen kämpfenden Lebensversicherer leiden unter den niedrigen Zinsen. Sie müssen einen Großteil der Kundengelder in Staatsanleihen anlegen. Jetzt greift die Politik der Branche unter die Arme - auch, um langfristige Ansprüche aller Versicherungsnehmer zu sichern.

? Wie steht es aktuell um die Lebensversicherer?

Die Lage ist differenziert. Die Bundesbank kam 2013 in einem Stressszenario zu dem Befund, das bei langanhaltenden Niedrigzinsen ein großes Gefährdungspotenzial bestehe und bis zum Jahr 2023 mehr als ein Drittel der Versicherer nicht mehr die Kapitalanforderungen erfüllen dürfte. Hinzu kommt, dass die Lebensversicherung als Altersvorsorge-Produkt immer weniger attraktiv wird - was wiederum zur Folge hat, dass die Branche weniger Beitragseinnahmen durch neue Verträge verbuchen kann. Ein weiter sinkender "Garantiezins" könnte den Trend beschleunigen.

? Wo liegt das Problem?

Versicherer haben Kundengelder auch in Staatsanleihen angelegt. 2013 sank die Rendite öffentlicher Anleihen des Bundes auf im Schnitt 1,6 Prozent. Gleichzeitig bleiben aber die Verpflichtungen der Versicherer zur Bedienung der Alt-Verträge hoch, denn der Garantiezins aller Unternehmen beträgt im Schnitt 3,2 Prozent. Aktuell liegen die durchschnittlichen Kapitalerträge noch über diesem Niveau, aber die Ertragskraft sinkt bei anhaltend niedrigen Zinsen.

? Was versteht man unter Bewertungsreserven?

Diese stillen Reserven speisen sich aus Kursgewinnen etwa von Wertpapieren, aber auch von Immobilien. Sie sind in der Bilanz ausgewiesen, stehen also "in den Büchern". Buchgewinne kommen zustande, wenn der Marktwert der gehaltenen Papiere steigt.

? Was geschieht mit diesen Reserven?

Kunden, deren Vertrag regulär ausläuft oder die ihre Police vorzeitig kündigen, erhalten bisher die Hälfte der Bewertungsreserven, die auf ihre Lebensversicherung entfallen. Die Versicherer müssen nun immer mehr der hochprozentigen Papiere verkaufen, um diese Kunden an den üppigen Reserven zu beteiligen. Die können sich zwar über hohe Renditen freuen - allerdings zum Schaden der großen Mehrheit der anderen Versicherten, deren Verträge weiterlaufen.

? Wie soll sich das ändern?

Die Große Koalition will für eine "gerechtere Beteiligung der Gesamtheit der Versicherten" an den Bewertungsreserven festverzinslicher Wertpapiere sorgen. Hier kommt der "Sicherungsbedarf" ins Spiel. Den müssen Versicherer vorhalten, um alle Garantien erfüllen zu können. Künftig soll die Beteiligung an den entsprechenden Bewertungsreserven auf denjenigen Teil begrenzt werden, der den "Sicherungsbedarf" übersteigt. Das könnte nach Angaben aus Regierungskreisen für Kunden im Schnitt zu Einbußen von 440 Euro führen. Allerdings: Dies ist ein rein statistischer Wert - bezogen auf das Jahr 2012 mit damals 6,6 Millionen ausgelaufenen Verträgen.

? Und was bedeutet ein niedrigerer Garantiezins?

In der Vergangenheit haben Lebensversicherer mit hohen Garantiezinsen geworben. Oft erwirtschafteten sie sogar mehr. Doch die goldenen Zeiten sind längst vorbei. Der Garantiezins - exakt eigentlich Höchstrechnungszins - ist im Sinkflug. Nun soll er zum 1. Januar 2015 erneut gedrückt werden - von 1,75 auf 1,25 Prozent. Das ist die Obergrenze dessen, was Unternehmen den Kunden maximal zusagen können. Auch deutsche Versicherungsmathematiker und die Aufsicht plädieren dafür. Das würde der Branche etwas Luft verschaffen.