Nein, er spricht nicht mit ihnen und hört sie auch nicht wispern oder raunen. Dennoch ist er der "Pflanzenflüsterer" der BUGA 2015 in der Havelregion: Rainer Berger. Er braucht Blume oder Strauch nur anzusehen, um zu wissen, ob es dem Gewächs gut oder schlecht geht, was ihm fehlt oder wovon es zu viel des Guten hat.

Die Fähigkeit zum "Pflanzenflüsterer" wurde dem Chefgärtner der Bundesgartenschau, die von April bis Oktober 2015 "von Dom zu Dom" auf rund 80 Kilometern entlang der Havel ein Blumenband knüpfen will, schon in die Wiege gelegt. Die stand 1953 in einer Gärtnerei in Arendsee.

Seine Eltern zogen im privaten Gartenbaubetrieb neben Gemüse vor allem Blumen auf - für Töpfe und Vasen. Ihr Sohn wuchs auf zwischen grünenden und blühenden Pflanzen, half von klein auf beim Pikieren und Topfen von Blumen, von denen er noch heute zuerst die botanischen Namen nennt, ehe ihm die deutschen einfallen. "Ich wollte nie etwas anderes als Gärtner werden", gesteht er.

Nach einer soliden Berufsausbildung studierte er in Erfurt Gartenbau und zog danach der Liebe wegen nach Magdeburg, wo er bei der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft (GPG) Cyclamen einen Job ganz nach seinem Geschmack fand. In der auf Zierpflanzen spezialisierten Gärtnerei steckte Rainer Berger mit beiden Händen in der Erde, schnitt Stecklinge aus Blättern von Usambaraveilchen, topfte junge Pflanzen ein und um, positionierte sie in Reih und Glied im Gewächshaus - ganz, wie er es beim Vater gelernt hatte. Gelernt hat er damals auch zu organisieren und zu improvisieren, wenn es mal wieder an irgendetwas mangelte.

Sein Improvisations- und Organisationsgeschick überzeugte neben dem soliden und reichen Fachwissen dann wohl auch die Deutsche Bundesgartenschau Gesellschaft (DBG). Für die BUGA 1999 in Magdeburg hatte sich Rainer Berger beworben, nachdem das Aus für die GPG gekommen war. Nach kurzer Arbeitslosigkeit und Weiterbildung zur Fachkraft für Umweltschutz setzte er auf dem SKL-Gelände Türen und Fenster ein. "Das war nichts für mich", blickt er zurück, und er ergriff daher die Chance, die die BUGA in Magdeburg ihm bot.

Als Verantwortlicher für die Hallenschauen begann er im Februar 1999 seinen Job im heutigen Elbauenpark, "von 0 auf 100", wie er sich erinnert, denn schon in wenigen Wochen sollten sich dort perfekte Ausstellungen präsentieren und die sich um die Blumen rankenden Leistungsschauen stattfinden. Als Schaufenster der grünen Branche bot die Magdeburger BUGA allen Sparten des Gartenbaus eine Wettbewerbsplattform, auf der Rainer Berger den Juroren über die Schulter schaute, dem Geflüster der Preisrichter - allesamt alte Hasen ihres Fachs - lauschte, Kontakte knüpfte...

Als man ihn dann fragte, ob er nach Magdeburg weitermachen würde, bekundete er sofort Interesse für künftige Hallenschauen. Doch die Deutsche Bundesgartenschau Gesellschaft hatte für den Gärtner aus Magdeburg anderes im Sinn. Seit 2000 ist Rainer Berger nun ihr Ausstellungsbevollmächtigter und hat dafür alle vier Jahre seinen Nebenwohnsitz verlegt: von Rostock über Gera nach Koblenz und zuletzt nach Premnitz. Für die Internationale Gartenbauausstellung 2003 in Rostock, an der sich 32 Nationen beteiligten, spendierte ihm die DBG einen Englisch-Crash-Kurs, damit er auch mit ausländischen Ausstellern fachsimplen konnte.

Eine Herausforderung anderer Art fand er in Gera-Ronneburg vor, wo er mit der BUGA 2007 anfängliche Skeptiker überzeugte, dass eine vom Uran-Abbau gebeutelte Region eine Bundesgartenschau ausrichten und anziehend gestalten kann. Vorbereitung und Durchführung der Bundesgartenschau 2011 führte den Magdeburger Gärtner an Rhein und Mosel - nach Koblenz.

Seine inzwischen fünfte Bundesgartenschau ist wie die erste für Rainer Berger eine Art Heimspiel. Von Havelberg, dem nördlichen BUGA-Ausgangspunkt, ist es nur einen Katzensprung bis zu seinen gärtnerischen Wurzeln in Arendsee. "Hier kenne ich mich aus", sagt er. Und doch verblüffte auch ihn die Schönheit der Natur entlang der Havel, die er, obwohl ganz in der Nähe aufgewachsen, zuvor nie so wahrgenommen hatte. "Ich hoffe, dass die BUGA-Gäste dies im kommenden Jahr ebenfalls so erleben, wenn sie Brandenburg, Rathenow, Premnitz, Stölln und Havelberg besuchen und zwischen den von Gärtnern und Landschaftsgestaltern geschaffenen Ausstellungen immer auch Natur pur finden."

Vom Havelberger Domberg bietet sich ein fantastischer Blick auf den Fluss und die geschichtsträchtige Stadt. Sie wird im kommenden Jahr für viele zum nördlichen Auftakt einer BUGA-Reise. Dass diese zu einem bunten und blumigen Erlebnis wird, dafür sorgt auch Chefgärtner Berger. So trägt der Weg hinauf zum Dom mit die Handschrift des Leiters der gärtnerischen BUGA-Ausstellungen: Im Terrassengarten hinter der St. Annen-Kapelle ist schon alles vorbereitet für die dort geplanten Wechselflorbeete.

Im Pfingstrosengarten zeigten im 2014er Frühjahr beeindruckende Strauchpfingstrosen bereits erste Blüten. Auch den Prälatenweg entlang der alten Dommauer haben Gärtner mit Stauden und Gräsern neu gestaltet, und nach Fertigstellung des barrierefreien Zugangs nimmt der Dechaneigarten Gestalt an. Für den Geschmack des Gärtners kamen die Pflanzen wegen der Bauarbeiten zwar etwas zu spät in die Erde, doch die gute Qualität lässt Rainer Berger auf prächtiges Gedeihen hoffen.

Die Inspektion der Havelberger BUGA-Baustellen führt ihn vorbei an Kleingärten der Sparte "Am Nussberg" zum Garten der Partnerstadt Saumur, die dort eine regionaltypische französische Weinloge aus weißem Tuffstein errichtet. Die ursprünglich avisierten 99 Weinreben konnten die Franzosen jedoch nicht liefern. Als Rainer Berger davon hörte, griff er zum Telefon und hatte wenig später die Zusage, dass BUGA-Besucher 2015 auf dem Havelberger Domberg von essbaren Tafeltrauben kosten können. Geliefert wurden die Rebstöcke nun vom Rhein - dank der von der BUGA in Koblenz herrührenden Kontakte des Chefgärtners.

Als Ausstellungsbeauftragter der DBG hat er im Laufe der Jahre ein deutschlandweit verzweigtes grünes Gewerke-Netzwerk geknüpft, aus dem nicht selten auch persönliche Freundschaften zu den Trendsettern der Branche hervorgingen. So kennt er interne Spezifika, aktuelle Züchtungen und neue Trends und weiß, wo er Pflanzen bester Qualität ordern kann.

Gerade ist er intensiv mit Deutschlands Friedhofsgärtnern und Steinmetzen im Gespräch, die auf dem alten, lange Zeit verwilderten Gottesacker des Havelberger Doms zur BUGA 70 Mustergräber mit zum Teil modernen Versionen der Grabgestaltung schaffen werden. "Die friedhofstypische Flora auf diesem Areal hat symbolische Bedeutung", berichtet Rainer Berger und freut sich auch, dass zur BUGA um die alte Linde im Klosterhof des Domes der Lebensweg eines Menschen symbolhaft mit Blumen und Pflanzen nachgestaltet werden kann.

Taufe und Hochzeit, Erntedank und Weihnachten - Hallenschauen der kommenden BUGA greifen ebenfalls Themen auf, die in ein sakrales Umfeld passen. Neben der St. Johannis Kirche in Brandenburg rüstet sich Havelbergs Stadtkirche St. Laurentius für diese ganz besondere Aufgabe. Noch wird in ihrem Innern saniert und gewerkelt, doch Chefgärtner Berger sieht vor seinem inneren Auge bereits floristische Meisterwerke zwischen den hohen Säulen erblühen. "Für die Gärtner und Floristen bedeutet dies eine riesengroße Herausforderung", weiß er, denn in den Kirchen müssen sie vor allem in der Vertikalen arbeiten.

Er hingegen arbeitet daran, die Pflanzen in den Kirchenräumen ausreichend mit Licht, Wärme und Wasser versorgen zu können, ohne den sakralen Bauten zu schaden. Eine ganz besondere Herausforderung sind die Blumenhallenschauen zur BUGA 2015 in der Havelregion also auch für deren Chefgärtner.

Rainer Berger wird damit krönen, was für ihn 1999 in den heutigen Magdeburger Messehallen begann - sein persönliches BUGA-Gärtner-Glück. Nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten im Auftrag der Deutschen Bundesgartenschau Gesellschaft kann er sich ein Leben ohne BUGA auch danach nicht vorstellen - jedoch nicht mehr als deren Chefgärtner, aber vielleicht im Kreise von Juroren oder Preisrichtern ...