Schönfeld l Süß sehen sie schon aus, die roten, weißen oder bunten Absatzferkel, die im dick mit Stroh eingestreuten Auslauf rumtoben. Vor dem Ende in Topf oder Pfanne schützt sie das nicht. Wenn sie von Rittergut Schönfeld aus als Schlachtschwein ihren letzten Weg antreten, hatten sie aber ein saugutes Schweineleben, es waren eben Glücksschweine. Gegenüber vielen ihrer Artgenossen hatten sie dann nämlich das Privileg, frische Luft, Sonne und auch mal Regen genießen zu können.

Wo einst mit 700 Sauen auf Gülle Ferkelproduktion betrieben wurde, stehen nun gerade einmal 63 Sauen. Hubertus von Rundstedt kaufte die aus DDR-Zeiten stammende Anlage 2007 aus der Insolvenz und begann zwei Jahre später mit dem Umbau. Sein Ziel war damals, eine geschlossene Kette von der Ferkelproduktion bis zur Vermarktung der Schlachtschweine aufzubauen. Dass unter ökologischen Gesichtspunkten produziert werden soll, stand für ihn von Anfang an fest. Von Haus aus Landschaftsarchitekt, "bin ich schon beruflich ein Grüner", schmunzelt er.

Beim Ausbau der Anlage wurde besonderer Wert auf das Tierwohl gelegt. In jeder Produktionsstufe ist reichlich Platz und die Tiere haben jederzeit die Möglichkeit, vom Stall in den Auslauf zu wechseln. Gehalten werden sie auf dicken Strohmatten, im Außenbereich wird teilweise betriebseigenes Kleestroh-Häcksel eingesetzt. "Damit experimentieren wir erfolgreich", freut sich von Rundstedt. So kommen die Tiere gleichzeitig zu Rohfaser. Alle Roste wurden indes nicht entfernt. Besonders im Sommer genießen die Tiere die kühlere Luft, die durch die Güllekanäle strömt.

Das Produktionssystem ist ausgeklügelt. Um zwei kleinere Sauengruppen kümmert sich je ein Eber. Nach der Bedeckung bilden die beiden Gruppen eine größere, in der wieder ein Eber aufgestallt ist. Dieser belegt eventuelle Umrauscher. "Anschließend sind 95 Prozent der Sauen tragend", meint von Rundstedt zufrieden. Durchschnittlich 9,4 Ferkel zieht eine Sau pro Wurf groß und das sechsmal. Dann heißt es auch von ihnen Abschied nehmen. Ihr Fleisch ist für Bio-Mettwurst gefragt.

Tierkontrolle stattFutterautomaten

Im Abferkelbereich sind die Mütter in den ersten Tagen einzeln aufgestallt. Platz für die Geburt und die Bewegung haben sie genug. Ein Gitter trennt sie allerdings vom beheizten Ferkelnest, wodurch die Verluste durch das Erdrücken verringert werden. Wenige Tage nach der Geburt bilden wieder je drei Sauen eine Gruppe, können gemeinsam mit dem Nachwuchs den Auslauf genießen. Die männlichen Ferkel werden unter leichter Betäubung kas-triert. Bei diesem Eingriff bleibt es dann auch. Die Schwänze werden nicht kupiert. Zerbissene Schwänze waren bis zur Endmast nicht zu sehen. Die intelligenten Tiere haben auf dem Rittergut andere Möglichkeiten, ihrer Spielsucht zu frönen.

Im Alter von 42 bis 52 Tagen werden die Ferkel abgesetzt, durchlaufen die Läuferung und anschließend die Vormast, bis sie ein Gewicht von 70 Kilogramm erreicht haben. Der Mittelmast (bis 90 Kilogramm) schließt sich die Endmast an. Zwischen 117 und 140 Kilogramm wiegen die Schweine, wenn sie den Betrieb verlassen, ausgeschlachtet bringen sie so 80 bis 120 Kilo auf die Waage.

In der Zeit des Wachstums haben die Tiere ad libitum Zugang zum Futter. Beschickt werden die Futterzentralen in den Ställen allerdings per Hand. "Wir verzichten bewusst auf die Automatenfütterung. So haben die Mitarbeiter öfter Kontakt zu den Schweinen, mehr Gelegenheit zur Tierbeobachtung", begründet von Rundstedt.

Das wirtschaftseigene Futter wird auf 387 Hektar Ackerland angebaut. 40 Prozent dieser Fläche, schätzt von Rundstedt, beanspruchen die Schweine für sich. Neben Sommergetreiden mit Rotklee als Untersaat zur Saatgutvermehrung wachsen Hafer, Winterroggen und -weizen, Lupinen und Luzerne auf den Feldern. Erstmals erntete der Landwirt in diesem Jahr ein Gemisch aus Wintererbsen und Roggen. Geschrotet ergibt das ein willkommenes Proteinfutter.

Unkonventionell ist auch die Gabe von Luzernesilage in der Endmast. Dadurch wird der Verfettung vorgebeugt, denn auch die Käufer von Bio-Fleisch sind Mäkeler. Wie im konventionellen Bereich verlangen die Öko-Schlachtereien einen Magerfleischanteil von 54 Prozent. Von Rundstedt findet das schade. Die von ihm bevorzugten Schwäbisch-Haller Landschweine können da nicht mithalten. Ihr Fleisch nutzt er deshalb für die Direktvermarktung, bietet eine breite Hausschlachtepalette an. Auf längere Sicht gesehen wird aber durch diese Vorgaben die Bio-Branche eine vom Aussterben bedrohte Haustierrasse nicht retten können.

Das Rittergut Schönfeld gehört zu den nur 40 Vertragsmästern der Kurhessischen Fleischfabrik in Fulda. Um den Transportstress zu verringern, werden die Öko-Schweine aus der Altmark aber bereits im 170 Kilometer entfernten Teterow geschlachtet und anschließend als Hälften weitertransportiert. Etwa 500 Schlachtschweine liefert von Rundstedt jährlich, rund 1000 sollen es werden.

Bis dahin muss der Betriebsleiter bei seiner Schweineproduktion unter dem Strich noch eine rote Null in Kauf nehmen. Ackerbau, Forstwirtschaft und Direktvermarktung subventionieren momentan noch diesen Zweig. Zwar erzielt er für seine Tiere etwa den doppelten Preis als seine konventionell wirtschaftenden Kollegen, der enorme Aufwand an Handarbeit, die von fast zwei Vollarbeitskräften zu bewältigen ist, kann dadurch aber kaum ausgeglichen werden.

An den jüngst aufgedeckten Verstößen gegen den Tierschutz bei einigen größeren Ferkelerzeugern gibt von Rundstedt dem Verbraucher eine gehörige Portion Mitschuld. Wer jeden Tag Fleisch essen möchte, aber nur bereit ist, 2,99 für das Kilogramm zu bezahlen, mache sich mitverantwortlich für diese Zustände.

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