Berlin (dpa) l Auf eigenen wackligen Beinen stehen Kinder nach ungefähr einem Lebensjahr. Das ist der Zeitpunkt, ab dem sie seit 2013 auch das Recht auf einen Platz in einer Kinderkrippe haben. Um dort gut anzukommen und sich in der zunächst fremden Umgebung wohlzufühlen, müssen Eltern sie an die Hand nehmen. Genau wie bei den ersten Gehversuchen hängt der gelungene Start in den Kindergarten ganz von der richtigen Begleitung ab.

Als erster Schritt werden die Eltern darüber informiert, dass sie bei der Eingewöhnung gebraucht werden, sagt Hans-Joachim Laewen. Der Soziologe arbeitet beim Institut für angewandte Sozialisationsforschung und frühe Kindheit (Infans). Das Berliner Institut hat bereits in den 1990er Jahren einen Standard entwickelt, an dem sich viele Betreuungseinrichtungen für Kinder orientieren, das sogenannte Berliner Modell.

Das Kind an der Tür abzugeben, ist dabei nicht vorgesehen. Mutter, Vater oder eine andere vertraute Person, etwa die Oma, sollen sich stattdessen mehrere Wochen Zeit für die Eingewöhnung nehmen. Bei einem Wiedereinstieg in den Beruf muss also etwas Vorlauf eingeplant sein. "Eingewöhnung kostet viel Zeit, die sich aber absolut lohnt", sagt Prof. Fabienne Becker-Stoll vom bayrischen Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München.

Eine abrupte Trennung der Kinder von den Eltern würde bei den Kleinen Stress auslösen, der über den Hormonspiegel nachweisbar ist. "Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder dann häufiger krank werden und die Bindung an die Eltern langfristig leiden kann", sagt Hans-Joachim Laewen. Selbst wenn die Kinder die Situation mit viel Kraft meisterten: "Wenn es den Kindern emotional schlecht geht, ist das ein zu hoher Preis", warnt Becker-Stoll.

Die Lösung ist ein sanfter Einstieg, für den Becker-Stoll drei wesentliche Kriterien nennt: Er muss von den Eltern begleitet sein, sich an den Erzieherinnen orientieren und einen bewussten Abschied haben. Anforderungen, die auch bei der Eingewöhnung in der Magdeburger Kinderkrippe "Kuschelnest" berücksichtigt werden. Deren Leiterin, Petra Grube, erklärt, dass in ihrer Einrichtung viel Zeit für die Eingewöhnung eingeplant wird. "Nach dem Vertrag über die Betreuung werden die Eltern zu einem Beratungsgespräch eingeladen. Darin wird geklärt, welche besonderen Anforderungen für das Kind gelten. Braucht es Medikamente, eine besondere Diät, das muss alles geklärt werden. Bevor es dann in die Krippe gehen kann, werden zu Beginn der Einführung Kinder und Eltern für etwa eine Stunde täglich in der Einrichtung betreut", sagt Grube. Das klappt, weil die Eingewöhnung meist zur Schlafenszeit organisiert wird. So könnten sich die Kinder an die Räume, Geruch und Eindrücke gewöhnen, ohne dabei den Trubel des täglichen Betriebs zu erleben, wie Grube erklärt.

Dass Kinder in Sachsen-Anhalt bereits mit einem Jahr in die Krippe gehen, ist mehrheitlich der Fall. "In Magdeburg sind etwa 90 Prozent der Kinder bereits in der Krippe gewesen", sagt Grube. Das Eingewöhnungsmodell würde sich daher zwischen den Einrichtungen nicht wesentlich unterscheiden, wie Grube sagt.

Später würden die Kinder eine Stunde ohne die Eltern betreut und damit langsam an den neuen Alltag gewöhnt. Spielen Eltern zu sehr mit ihrem Kind, hat es keinen Grund mehr, sich umzuschauen. Ein ermutigendes Nicken, wenn das Kind zum Beispiel ein neues Spielzeug in die Hand nehmen will, ist hingegen erwünscht. Besonders wichtig für Mädchen und Jungen ist es, mit der zukünftigen Erzieherin vertraut zu werden. Sie spielt im Eingewöhnungsprozess eine Hauptrolle.

Geht es nach Petra Grube, müssten sich Eltern nicht zu sehr über den Besuch in Kindergarten und Krippe vorbereiten. "Die meisten Dinge kommen von selbst, Kinder gehen oft unbefangen auf die neue Umgebung ein", weiß sie aus Erfahrung. Hilfreich wäre es aber, wenn alle Kleidungsstücke entsprechend gekennzeichnet sind. "Gerade bei beliebten Schuhmodellen oder Jacken ist es für die Kindergärtnerinnen schwer, sie einem Kind zuzuordnen. Ein Namensschild erleichtert die Arbeit erheblich", sagt Grube. Mehr Vorbereitung sei von seiten der Eltern kaum nötig.

Wenige Tage nach dem Start der Eingewöhnung dürfen Eltern sich das erste Mal abseilen. Denn ihr Kind soll nun allein in der Gruppe sein. Hinter dem Begriff abschiedsbewusst verbirgt sich, dass das Kind lernt: Mama oder Papa gehen, kommen aber auch wieder zurück. Oft ist das der Zeitpunkt der ersten dicken Tränen: Auf dem Arm der Erzieherin wird Mama kurz gewunken, dann ist sie raus und wartet unsichtbar in der Nähe. Lässt das Kind sich nicht trösten, gibt es ein schnelles Wiedersehen und am nächsten Tag geht erstmal das gemeinsame Erkunden weiter.

Kann der Erzieher das Kind jedoch trösten, ist das ein großer Erfolg. "Freut sich das Kind dann, wenn es nach einer halben Stunde wieder abgeholt wird, ist das noch besser", sagt Soziologe Laewen. Festigt sich gleichzeitig die Bindung zur Erzieherin, dann sind die wesentlichen Hürden genommen.

Die meisten Kinder brauchen dafür zwei bis drei Wochen. Selten länger, wie Petra Grube beobachtet hat. "Den Kindern fällt es meist gar nicht so schwer, sich auf die Krippe oder Kita einzulassen. Die vielen Gleichaltrigen sind willkommene Spielkameraden."

"Dass eine Eingewöhnung gar nicht klappt, kommt nur selten vor", sagt Becker-Stoll. "Fast immer ist dafür eine frühere negative Trennungserfahrung verantwortlich." Nach einer Scheidung oder anderen dramatischen Ereignissen in der Familie sollte man dem Kind also genügend Zeit geben.