Nürnberg (dpa) l Die Geräusche des Alltags verschwinden langsam und unbemerkt. Erst die hohen Frequenzen, das Zirpen der Grillen. Dann das Zwitschern der Vögel. Die meisten bemerken ihre zunehmende Schwerhörigkeit jedoch erst, wenn sie Angehörige oder Kollegen nicht mehr so gut verstehen.

Rund 20 Millionen Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge schwerhörig, aber nur etwa 16 Prozent davon tragen ein Hörgerät. Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte spricht von einer "gravierenden Unterversorgung". Zwar gebe es keine aktuelle Studie mit exakten Zahlen, doch bei den über 65-Jährigen konstatieren Ärzte bei mehr als 40 Prozent eine relevante Schwerhörigkeit. "Es gibt aber keinen strukturierten Plan für die Früherkennung und Betreuung der Patienten", so Löhler.

Fachleute raten unisono, schlechtes Hören nicht einfach zu ignorieren. Denn je später ein Betroffener ein Hörgerät bekommt, umso schwerer fällt die Umstellung. Das Gehirn verlernt nämlich rasch, mit akustischen Eindrücken umzugehen. "Je länger ich vergessen habe, wie ein Vogel klingt, desto unangenehmer wird mir das Geräusch, wenn es wieder da ist", schildert Hörgeräte-Akustikerin Elena Anton von Peschke-Akustik in Nürnberg.

Erster Schritt ist ein etwa 15 Minuten in Anspruch nehmender, meist kostenloser Hörtest, für den die Akustiker auch am heutigen "Tag des Hörens" werben wollen. Der Test ist - ebenso wie ein Hörgerät - beileibe nicht nur etwas für ältere Menschen: Auch ein beträchtlicher Anteil Jüngerer hört schlecht. Das ist dann allerdings weniger dem natürlichen Alterungsprozess als zu lautem Musikgenuss und anderem Lärm geschuldet - der Schall zerstört die feinen Haarsinneszellen in der Hörschnecke unwiderruflich.

Doch vielen Menschen ist es unangenehm, Hilfe zu suchen, berichtet Anton. "Das Hörgerät wird mit dem Alter verbunden, es gilt als \'Ersatzteil\'." Doch das werde sich ändern, betont FDH-Vize Wittmann. "Ich bin überzeugt, dass in einigen Jahren auch Nicht-Schwerhörige Hörgeräte tragen werden." Telefongespräche, TV-Sendungen, Konzerte können schon jetzt direkt in das Gerät und damit ins Ohr übertragen werden. Störende Geräusche werden weggefiltert, so dass die Träger teils besser hören als Normalhörende. Und die Forscher tüfteln schon an weiteren Funktionen - etwa der Simultanübersetzung von Fremdsprachen.