Essen (rgm). Endlich ist es amtlich: Küsschen nicht auf den Mund, sondern nur auf die Wange. Krawatte abschneiden ist im Rheinland okay, in Leipzig verboten. Auch Alkohol und Polonaisen im Büro kann man sich nur zwischen Mainz und Düsseldorf erlauben. An anderen Orten nur, wenn der Chef es gestattet.

"Wir werden gerade mit Anfragen zu Umgangsformen an Karneval überhäuft. Da mussten wir endlich klare Regeln definieren", schmunzelt Hans-Michael Klein, Vorsitzender der Deutschen Knigge-Gesellschaft. So gab es denn hitzige Diskussionen im Kreis der obersten Knigge-Wächter. Welche Fettnäpfchen lauern im Karnevalstrubel? Darf man Frauen ungefragt umarmen oder gar angrabschen? Darf man das "Du" des angesäuselten Chefs ablehnen? Oder: Was, wenn er es am nächsten Morgen nicht mehr weiß? Tiefe Dekolletés, durchsichtige Blusen, ultrakurze Röcke? Wie viel Offenherzigkeit ist erlaubt?

Solche und andere schwerwiegende Fragen deutscher Etikette sind jetzt geklärt. Beispiel: Wer sich unbeliebt machen will, sollte als Zugereister versuchen, Kölsch zu sprechen. Das merken die Kölner sofort und finden es doof. Aber Kölsch trinken ist ein Muss. Bloß kein Pils oder gar Alt! Letzteres ist dafür aber Pflicht in Düsseldorf. Keine Witze über kleine Kölschgläser! Der mit den "Reagenzgläsern voll Pipiwasser" hat einen langen Bart.

Wenn in der Kneipe geschunkelt und gesungen wird: unbedingt mitmachen. Spaßbremsen müssen leider draußen bleiben. Scherzartikel wie Furzkissen, Juckpulver, Stinkbomben und explodierende Zigaretten sind aber voll uncool. Die benutzen nur japanische Touristen oder Zugereiste aus dem Sauerland. Die ziehen auch die Busen blank. Das würde eine echte Kölnerin oder Düsseldorferin niemals machen. Die tragen den Frohsinn im Herzen, nicht auf der Brust.

Nebenbei gab es auch ganz praktische Tipps. Man sollte sich zum Beispiel zum Rosenmontagszug immer ausreichend warm anziehen. Mancher hat sich schon im luftigen Flitterfummel üble Verkühlungen geholt. Wichtig auch: an den Magen denken. Wer, besonders in den Hochburgen Köln und Düsseldorf, mal eben Brötchen kaufen geht, wird garantiert seinen Platz am Zug verlieren. Und dafür hatte der hungrige Jeck dann seit 7 Uhr gewartet! Übrigens auch so ein Tipp: Immer ganz früh die besten Plätze sichern! Das gilt auch für die Kneipe. Schön da bleiben, wo man ist. Woanders ist es auch nicht besser. Irgendwann kommt man nirgendwo mehr rein. Mäntel werden auf einen großen Haufen geworfen; Garderobenständer gibt\'s nicht. Deswegen immer nur olle Klamotten tragen, Armani bleibt daheim. Auch vergesse niemand Aspirin, Kleingeldvorrat und die eigene Adresse.

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