Über einen unfreiwilligen Urinverlust spricht niemand gern. Viele Betroffene leiden ganz im Stillen. Der gestrige Medizinische Sonntag von Uniklinikum, Urania und Volksstimme wollte dieses Tabu durchbrechen. Rund 450 Besucher trauten sich und folgen den Vorträgen der Fachärzte.

Magdeburg. Es gehört zu den Weisheiten des Alters, dass Dinge oftmals in die Hose gehen. Gemeinhin verstehen wir darunter, dass etwas nicht ganz so wie geplant verläuft – zum Beispiel ein Rendezvous, ein Bewerbungsgespräch oder ein sportlicher Wettkampf, der ganz anders als erhofft ausgeht. Doch manchmal ist der Spruch auch ganz wörtlich zu nehmen. Statt im Pissoir landet der Urin unabsichtlich in der Hose.

Wenn das einem Baby passiert, haben wir Erwachsenen dafür meist Verständnis. Passiert der unwillkürliche Harnabgang aber jenseits des frühkindlichen Wickelalters, sieht die Sache ganz anders aus.

Die Betroffenen empfinden diese Situation als sehr peinlich. Viele befürchten, dass andere Menschen von dem Malheur etwas bemerken oder gar riechen könnten. Um das zu umgehen, vermeiden die Betroffenen gesellschaftliche Kontakte, gehen nicht mehr ins Theater oder Kino und treffen sich nicht mehr mit Bekannten.

"Leider verschweigen viele Menschen das Problem oftmals jahrelang", sagt Dr. Britta Hosang, Oberärztin an der Frauenklinik der Magdeburger Uni. So gut es eben geht, versuchen sie, sich selbst zu helfen. Doch ohne medizinische Diagnostik ist der unfreiwillige Urinverlust nur sehr selten in den Griff zu bekommen. In ihren Vorträgen erläuterten Dr. Hosang und Dr. Uwe-Bernd Liehr, Oberarzt und kommissarischer Direktor der Urologischen Uniklinik Magdeburg, die diagnostischen Methoden bei diesem Problem.

Es gibt viele Gründe dafür, nicht richtig Wasser lassen zu können. Dazu zählen Blasenentzündungen, die Menschen jeden Alters treffen können. Zudem gibt es verschiedene Formen des unfreiwilligen Harnverlustes bei körperlichen Belastungen wie dem Heben oder beim Husten, bzw. des plötzlichen Harndrangs während der Nacht oder beispielsweise beim Kinobesuch.

Die Ursachen für diese Probleme sind zwischen Frauen und Männern zum Teil sehr unterschiedlich. "Die häufigsten Ursachen einer Inkontinenz von Frauen sind Bindegewebsschwächen, hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren und viele Geburten", so Britta Hosang. "Beim Mann ist die Ursache einer Harninkontinenz meist eine Radikaloperation bei Prostatakrebs", informierte Uwe-Bernd Liehr.

Heimbewohner sind zu 80 Prozent inkontinent

Männer mit einer gutartigen Prostata-Vergrößerung leiden nicht selten unter einem unwillkürlichen Harndrang während der Nacht und dem Harnträufeln auf der Toilette.

Die Ursache dieser Symptome können aber auch Steine im Harnleiter, eine Blasentumorerkrankung, neurologische Störungen wie die Parkinsonsche Erkrankung oder Nervenleitstörungen als Folge einer langjährigen Stoffwechselstörung wie der Zuckerkrankheit sein. Vor allem im Alter sind es oftmals auch Medikamentennebenwirkungen, die zu einem unwillkürlichen Harnverlust führen, informierten beide Referenten. Besonders bedrückend sei dieses Problem in den Heimen, "wo etwa 80 Prozent der bettlägerigen Bewohner inkontinent sind", so Oberarzt Liehr. Um trotz der weiter steigenden Zahl von Heimbewohnern die Pflegekosten zu reduzieren, wäre es notwendig, die Betreuung der Betroffenen weiter zu verbessern. Das beginnt bei einfachen Hilfsmitteln wie der baulichen Erleichterung des Zugangs zu Toiletten und reicht über die Vermeidung von Medikamentennebenwirkungen und die Motivation älterer Menschen bis hin zu operativen Verfahren. Letztere sollten nach Ansicht beider Referenten aber immer nur am Ende der Therapiemöglichkeiten stehen.

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