Der Chirurg Hans Kehr fand 1914 bildreiche Worte: Es seien Beschwerden, "die in ihrem ewigen Wechsel zwischen Sonnenschein und Sturm den Kranken zu keinem richtigen Entschluss kommen lassen". Schlimmer noch: die "den Kranken wohl zur Applikation von Schröpfköpfen und Senfpapier, aber nicht zur Konsultation eines Chirurgen" bewegten, konstatierte der Begründer der Gallenblasenchirurgie über das Leiden an Gallensteinen.

Freising (dapd). Noch heute lässt die Aussicht auf eine Operation manche Gallenstein-Geplagte zaudern. Dabei seien Gallenstein-Beschwerden für Ärzte mittlerweile "Alltag" und in der Regel gut zu behandeln, sagt Florian Zeller, Chefarzt der Allgemeinchirurgie am Klinikum Freising.

Galle ist eine Flüssigkeit, die vor allem zur Fettverdauung benötigt und von der Leber produziert wird. "Die Gallenblase ist ein Vorratslager für diese Gallenflüssigkeit", sagt Zeller. Nimmt der Mensch eine besonders üppige Mahlzeit zu sich, hat er dort eine Extraportion des Verdauungssaftes zur Verfügung.

Bei Komplikationen die Gallenblase entfernen

Etwa 10 bis 15 Prozent der Europäer, so ergaben Studien, bereitet die Galle Probleme: Ihre Bestandteile kristallisieren zu kleinen Partikeln, die nach und nach zu Gallensteinen anwachsen. Die meisten verbleiben in der Gallenblase. Manche Menschen wissen bis an ihr Lebensende nichts von den Steinen in ihrem Bauch, bei manchen entdecken Ärzte sie zufällig während einer Ultraschall-Untersuchung. Nur etwa 20 bis 25 Prozent der Gallenstein-Träger spüren die Steine, nämlich dann, wenn sie Schmerzen oder Schlimmeres hervorrufen.

Denn mitunter versuchen die Muskeln der Gallenblase, den Stein herauszubefördern. Der Betroffene spürt dies als Gallenkolik. "Die Muskeln ziehen sich zusammen und drücken mit aller Kraft gegen den Stein. Diese Koliken gehören zu den schmerzhaftesten Dingen, die man sich vorstellen kann", sagt Zeller. Neben den Schmerzattacken können Gallensteine auch Übelkeit sowie Druck und diffuse Schmerzen im Oberbauch hervorrufen. In selteneren Fällen verursachen die Gallensteine weitere und ernstere Beschwerden, zum Beispiel gefährliche Entzündungen der Gallenblase oder der Bauchspeicheldrüse, die sich durch Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost bemerkbar machen.

Treten ernsthafte Komplikationen auf oder kehren die Koliken immer wieder, empfehlen Ärzte, die Gallenblase zu entfernen. Patienten befremdet es mitunter, ein komplettes Organ herauszuoperieren. Doch andere Methoden, etwa die Steine durch Medikamente aufzulösen oder mit Stoßwellen zu zertrümmern, seien in den wenigsten Fällen eine Alternative, sagt Zeller. Denn bei sehr vielen Patienten wachsen einige Zeit nach der Behandlung neue Steine.

Für die Operation spricht nach den Worten Zellers auch folgendes Argument: "Gallenblasen-Entfernungen sind heute nahezu risikolos." Jedes Jahr würden in Deutschland etwa 190000 Gallenblasen entfernt. In den meisten Fällen wird per Schlüssellochchirurgie operiert. Die OP erfolge in Vollnarkose und dauere im Normalfall etwa 30 Minuten, erläutert der Chirurg. Nach zwei bis vier Tagen können die Patienten die Klinik verlassen. Etwa zwei Wochen sollten sie sich schonen.

Langsames Essen beugt Beschwerden vor

"Treten in Folge der Operation Komplikationen auf, dann am ehesten Wundheilungsstörungen, vor allem am Nabel, durch den in der Regel operiert wird", sagt Zeller. Langfristige Probleme seien in aller Regel nicht zu erwarten. Der Mensch kann auch ohne Gallenblase leben, da die Leber weiter Galle bereitstellt. Insofern könnten Operierte auch weitgehend normal essen.

"Eine spezielle post-operative Gallen-Diät gibt es nicht mehr", sagt auch Urte Brink, Ernährungsberaterin aus Bergisch Gladbach: "Die Empfehlung lautet vielmehr: leichte Vollkost. Dabei lässt man Lebens- und Genussmittel weg, die erfahrungsgemäß schlecht verträglich sind, wie Kohl, scharf Gebratenes, Frittiertes und Alkohol." Meiden sollte man auch sehr fettreiche Speisen. Bei Käse steigt man am besten auf fettarme Sorten um; fettreiche Wurstsorten kann man gut durch Bratenaufschnitt ersetzen. Generell gilt der Expertin zufolge jedoch: "Was individuell vertragen wird, ist erlaubt."

Wer zudem langsam isst und bewusst kaut, könne Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall vorbeugen. Qualifizierte Ernährungsberater findet man unter anderem im "Expertenpool" des Verbandes der Oecotrophologen unter vdoe.de.