Unfreiwilliger Harnabgang ist ein Problem, über das Betroffene nur ungern sprechen. Gestern hatten Leser die Möglichkeit, sich bei einem Volksstimme-Telefonforum anonym Rat von Ärzten des Uniklinikums zu holen. Uwe Seidenfaden notierte einige Fragen und Antworten.

Frage : Was kann die Ursache einer Inkontinenz sein ? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es ?

Antwort : Es gibt verschiedene Formen der Harninkontinenz – d. h. der fehlenden oder mangelnden Fähigkeit selbst zu bestimmen, wann die Blase entleert werden soll. Die beiden häufigsten Formen von Blasenschwäche sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Welche vorliegt und was die Ursachen dafür sind, sollte von einem Arzt abgeklärt werden. Mögliche Ursachen können unter anderem Blasenentzündungen, eine Instabilität des Blasenmuskels, Blasensteine, Medikamentennebenwirkungen

oder seelische Belastungen sein. Auch eine Zuckererkrankung, Gefäßerkrankungen, eine überaktive Blase und Prostatavergrößerungen ( Männer ) können zu ungewollten Urinverlusten führen. So unterschiedlich wie die möglichen Ursachen der Inkontinenz sind auch die Möglichkeiten der Behandlung.

Frage : Seit kurzem habe ich Probleme mit starkem Harndrang. Ich muss etwa alle zehn bis zwanzig Minuten die Toilette aufsuchen. Meist verliere ich dann nur wenige Tropfen und das auch nur unter Schmerzen. Ist das etwas ernstes ?

Antwort : Wahrscheinlich haben Sie eine Blasenentzündung. Dagegen kann der Arzt Ihnen Medikamente verordnen. Um die Harnwegsinfektionen künftig zu vermeiden, empfiehlt sich, regelmäßig zu Trinken. Dadurch werden Infektionskeime leichter aus dem Körper herausgespült. Kälte und Zug im Beckenbereich sind zu meiden. Zudem empfiehlt es sich, leichte und lockere Unterwäsche aus Baumwolle zu tragen.

Frage : An manchen Tagen ist der Harndrang so groß, dass ich es gerade so zur Toilette schaffe. Kann man außer Inkontinenzvorlagen etwas dagegen tun ? Medikamente kann ich wegen der Nebenwirkungen wie eine trockene Mundschleimhaut und Schwindel nicht vertragen.

Antwort : Die Symptome sprechen für eine überempfindliche Blase bzw. Dranginkontinenz. Das kann mit Medikamenten gut behandelt werden. In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl neuer Medikamente entwickelt, die die von Ihnen genannten Nebenwirkungen nicht haben. Sie sollten darüber mit Ihrem Frauenarzt sprechen.

Frage : Ich ( weiblich, 69 Jahre ) leide unter einem ungewollten Urinabgang bei körperlichen Anstrengungen, beispielsweise beim Heben meiner Enkelkinder. Was kann ich dagegen tun ?

Antwort : Die Probleme, die Sie beschreiben, deuten auf eine Belastungsinkontinenz hin. Bei einer leichten Belastungsinkontinenz kann eine Stärkung des Beckenbodens durch eine spezielle Gymnastik helfen. Auskünfte über spezielle Kurse erteilten z. B. die Krankenkassen. Bei der Beckenbodengymnastik werden die Muskeln des Beckenbodens so trainiert, dass sie der Blase und der Harnröhre zusätzlichen Halt geben und sie in ihrer Schließfunktion verbessern. Besonders wichtig ist auch die Beckenbodengymnastik im Wochenbett, um späteren Schäden vorzubeugen. Hierbei bieten sich Hilfsmittel wie Vaginalgewichte an. Unterstützend wirken z. B. Silikon-Kautschukringe ( Pessare ), saugfähige Tampons und spezielle Hormonbehandlungen in der Postmenopause. Die Therapie hilft nicht in jedem Fall. Ist die Blasenschwäche sehr ausgeprägt, ist meist eine Operation erforderlich. Dabei können die Ärzte bei einem minimalinvasiven Eingriff unter örtlicher Betäubung zum Beispiel ein synthetisches Band einsetzen, das die die Schließfunktion verbessert.

Frage : Ich ( männlich, 63 Jahre ) muss nachts mehrfach zur Toilette. Woran kann es liegen ?

Antwort : Wenn eine Harnwegsinfektion und andere Ursachen ausgeschlossen wurden, muss man insbesondere bei Männern im fortgeschrittenen Alter an eine gutartige Prostatavergrößerung als Ursache der genannten Probleme denken. Die Vergrößerung der Prostata verhindert eine vollständige Entleerung der Blase, so dass der Urin schließlich unkontrolliert abfließt. In den Frühstadien kann man eine gutartige Prostatavergrößerung mit Medikamenten behandeln. Im fortgeschrittenen Stadium sind eine Prostata-Ausschabung bzw. eine OP erforderlich.

Frage : 1995 wurde mir wegen Krebs die Prostata entfernt. Muss ich mit der Inkontinenz bis ans Ende meines Lebens leben ?

Antwort : In den vergangenen Jahren wurden neue Verfahren entwickelt, um die Kontinenz nach einer Prostataoperation wieder herzustellen. Man kann beispielsweise ein kleines synthetisches Band implantieren, das die Absenkung der Harnröhre als Folge der Prostata-operation revidiert. Äußerlich ist von dem Implantat nichts zu sehen. Man kann es auch noch Jahre nach der Prostata-OP einsetzen. Spezielle Bänder sind später nachjustierbar.

Frage : Seit mein Mann Tabletten gegen Bluthochdruck nimmt, hat er Probleme mit dem plötzlichen Harndrang. Er kann am Vormittag gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Deshalb verzichtet er auf die Einnahme der Medikamente, wenn er wichtige Termine hat. Das kann doch aber nicht die Lösung sein.

Antwort : Die medikamentöse Behandlung des Bluthochdrucks erfordert die regelmäßige Einnahme der Medikamente. Ihr Mann sollte über die daraus resultierenden Einschränkungen seiner Lebensqualität mit seinem Arzt sprechen. Oftmals kann man durch eine Umstellung der Medikamente eine Verbesserung erreichen.