• Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten Tuberkulosepatienten viele Monate in speziellen Sanatorien verbringen, wo sie ihr Immunsystem durch Liegekuren an der frischen Luft stärken sollten. Das ist heute dank moderner Antibiotika anders : Selbst Patienten mit zuvor offener Tuberkulose können nach Hause, sobald sich keine Erreger mehr im Auswurf finden, in der Regel nach drei bis vier Wochen. Wer regelmäßig seine Medikamente nimmt und sich fit genug fühlt, darf auch wieder arbeiten. Er muss jedoch in regelmäßigen Abständen zu Kontrolluntersuchungen. Das ist wichtig, um einen Rückfall und die Ansteckung weiterer Menschen zu verhindern.

• " Damit sich die Krankheit nicht ausbreitet, werden bei einer offenen Tuberkulose immer auch Angehörige und Bekannte des Patienten auf eine mögliche Infektion untersucht ", erklärt Prof. Robert Loddenkemper vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose. " Vorbeugen kann man der Erkrankung leider nicht. Zwar gab es bis 1998 die sogenannte BCG-Impfung. Da deren Wirksamkeit jedoch nicht ausreichend ist und sie diverse Nebenwirkungen hatte, wird sie auf Anraten der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts nicht mehr verabreicht. " ( ddp )

Die Pandemie droht nicht, sie hat längst begonnen. Tag für Tag sterben Tausende Menschen an einer Krankheit, die zwischenzeitlich schon fast besiegt war : die Tuberkulose.

Berlin ( ddp ). Die auch als Schwindsucht bekannte Infektionskrankheit gilt als eine der zehn häufigsten krankheitsbedingten Todesursachen weltweit. Nach der Entdeckung der Tuberkulose-Erreger durch Robert Koch 1882 und der Entwicklung wirksamer Medikamente zu ihrer Bekämpfung gelang es zunächst, die Krankheit kontinuierlich zurückzudrängen. Der endgültige Sieg über die gefährlichen Bakterien schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Ein Trugschluss, denn seit einigen Jahren kehrt die Tuberkulose ( TBC ) umso stärker zurück. Im Gepäck hat sie Resistenzen gegen viele bislang wirkungsvolle Medikamente.

Die Chancen, TBC jemals ganz ausrotten zu können, stehen schlecht, befürchtet Professor Robert Loddenkemper, Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose in Berlin : " Tuberkulose ist eine soziale Krankheit, sie tritt vor allem dort auf, wo Krieg und Elend herrschen. Solange noch Menschen in Armut und unter mangelhaften hygienischen Umständen leben, wird es auch TBC geben. "

Denn ein geschwächtes Immunsystem begünstigt den Ausbruch der Krankheit. Aus diesem Grund sind heute die meisten Fälle in Afrika zu verzeichnen : " Weite Bevölkerungsteile sind hier mit HIV infiziert. Bricht die Immunschwächekrankheit in Form von AIDS aus, sterben die meisten Betroffenen letztlich an einer Tuberkuloseerkrankung ", erklärt der Experte.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion häufen sich die TBC-Fälle auch in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Schuld sind vor allem der Zusammenbruch des Gesundheitssystems und die Folgen der Armut : Wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, steigen Ansteckungsgefahr und -geschwindigkeit rapide an, denn die Tuberkulose-Bakterien gelangen durch Sprechen, Husten oder Niesen in die Luft. Dort halten sie sich eine ganze Weile und werden so leicht von anderen Anwesenden eingeatmet.

In reichen Ländern sieht die Lage – noch – anders aus : " In den vergangenen dreißig Jahren wurde die Tuberkulose beispielsweise in Deutschland massiv zurückgedrängt ", berichtet Professor Carl-Peter Criée von der Deutschen Atemwegsliga in Bad Lippspringe. Die Zahl der Neuerkrankungen stagniert mittlerweile bei wenigen tausend Fällen pro Jahr. Dennoch gibt es keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil : Durch die zunehmende Globalisierung kehrt die Tuberkulose zurück, Einwanderer und Reisende haben die Infektion oft unerkannt im Schlepptau.

Dass sie oft nicht oder erst spät diagnostiziert wird, hat zwei Ursachen : " Man unterscheidet zwischen Infektion und Erkrankung. Der größte Teil der Infizierten weiß gar nicht, dass er die Erreger in sich trägt ", erklärt Loddenkemper. Denn wenn die Bakterien über die Atemwege in die Lunge gelangt sind, reagiert das Immunsystem, indem es sie in eine Art Käfig aus Abwehrzellen einschließt : Es bilden sich kleine Knötchen in der Lunge, sogenannte Tuberkel, und die Lymphknoten können anschwellen. Diese Symptome bilden sich jedoch wieder zurück und 90 bis 95 Prozent aller Infizierten bemerken nie etwas von ihrer Infektion. " In diesem Stadium sind sie auch nicht ansteckend, sondern erst, wenn die Tuberkulose ausbricht ", weiß der Experte. Das kann auch nach Jahren noch geschehen, immer dann, wenn das Immunsystem nachlässt. Da das hierzulande vor allem bei alten Menschen der Fall ist, sprechen Mediziner dann von einer Alterstuberkulose.

" Die Symptome einer Erkrankung sind zudem oft sehr unspezifisch : Husten, Müdigkeit und Fieber werden meist eher mit einer Erkältung in Verbindung gebracht. Zudem nimmt das Wissen um TBC auch bei den Ärzten immer mehr ab ", berichtet Loddenkemper. Eine fatale Entwicklung, denn dadurch wird die Erkrankung oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Die Empfehlung lautet daher, bei unklarem Husten, der länger als drei Wochen dauert, eine Röntgenuntersuchung durchzuführen.

Wenn der Patient Auswurf hat, in dem Tuberkulose-Erreger nachgewiesen werden können, spricht man von einer offenen Tuberkulose. Sind die Bakterien bereits unter dem Mikroskop zu erkennen, so besteht eine hochgradige Ansteckungsgefahr. " Anschließend wird eine mehrere Monate dauernde Antibiotikatherapie durchgeführt ", erläutert Criée. " Dabei nimmt der Patient täglich mehrere Medikamente, sogenannte Antituberkulotika. Der Mix sorgt dafür, dass alle Erreger abgetötet werden, auch die in den Tuberkeln eingekapselten. "

In Deutschland sterben heute nur noch drei bis vier Prozent aller Erkrankten. Doch das könnte sich in Zukunft wieder ändern : " Mittlerweile haben wir es immer häufiger mit Erregern zu tun, die gegen ein oder mehrere Antituberkulotika resistent sind ", sagt Criée. In Ausnahmefällen liegen sogar komplette Resistenzen vor, dann hilft nur noch die operative Entfernung des befallenen Lungengewebes.

Verantwortlich dafür ist ein verfrühter Abbruch der Antibiotikatherapie, weiß Criée, der Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende ist : " Eine Therapie dauert mindestens sechs Monate, in schweren Fällen auch zwei Jahre. Insbesondere in den Entwicklungsländern haben die Menschen jedoch oft nicht die Möglichkeit, die Therapie zu beenden, weil sie sich die Medikamente nicht leisten können oder die Mittel nur gelegentlich verfügbar sind. " Dadurch erhalten die verbleibenden Bakterien Gelegenheit, ihr Äußeres zu verändern, so dass die Antituberkulotika ihnen nichts mehr anhaben können. Dazu kommt es selbst in Staaten, wo die Medikamente kostenlos sind, denn viele Patienten fühlen sich nach wenigen Wochen wieder gesund und setzen die Mittel eigenmächtig ab. Aber eben dies dürfe nicht geschehen, mahnen Criée und Loddenkemper : " Wir vernichten sonst die Helfer, die uns im Kampf gegen die Tuberkulose zur Seite stehen. "