Haare sind für viele Menschen ein zentraler Aspekt ihrer Attraktivität. Es fällt ihnen schwer, mit dünnem Haar oder einer Glatze zu leben. Deshalb floriert die Nachfrage nach Therapien und Transplantationen. Manchmal können sie eine Glatze verhindern, aber sie werden keine Löwenmähne zaubern.

Potsdam/Bonn (dapd). Männern beschert der Haarverlust nach und nach Geheimratsecken und schließlich oft eine Glatze. Betroffene Frauen bekommen meist schütteres Haar. "Das Wichtigste ist, dass man erst einmal eine klare Diagnose stellt", sagt Nina Otberg, Dermatologin und Haarspezialistin aus Potsdam. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen litten häufig unter einem erblich bedingten Haarverlust. Die Veranlagung sei bei rund vierzig Prozent der weiblichen Betroffenen Schuld am Ausdünnen des Schopfes.

Diese Neigung werde aber im Gegensatz zu den Männern bei Frauen meist erst aktiviert: durch eine Erkrankung namens Telogen Effluvium. Sie ereilt vor allem Frauen mittleren Alters und setzt ganz unvermittelt ein. Über Wochen hinweg hängen mehr als die üblichen 100 Haare je Tag im Kamm. Ebenso abrupt wie der Schwund eingesetzt hat, endet er meist. Einige Auslöser des dramatischen Ereignisses kennen Dermatologen mittlerweile: Schilddrüsenstörungen, Eisenmangel und Stress können den Startschuss geben. "Nach einem solch akuten Ausfall wachsen die Haare dann manchmal nicht mehr so nach wie üblich", erläutert Otberg.

Weit verbreitet sei bei Frauen auch ein verstärkter Haarausfall drei Monate nach einer Geburt. "Haare lieben Östrogen. In der Schwangerschaft werden sie deshalb schön und dick. Der Hormonwechsel nach der Geburt ist für sie dann wie ein Schock", sagt Otberg. Darüber hinaus gebe es sowohl bei Frauen als auch bei Männern noch andere Erkrankungen, die zum Haarverlust führen können, wie beispielsweise der kreisrunde Haarausfall Alopecia Areata.

Grundsätzlich müssen aber mehr Männer als Frauen mit ansehen, wie ihre Frisur allmählich an Fülle einbüßt. Statistiken zeigen, dass sich bei etwa neun von zehn Männern im Laufe der Zeit Geheimratsecken bilden. Rund die Hälfte aller Männer trägt zudem bestimmte Erbmerkmale, die den Rückgang der Haardichte besonders begünstigen. Die männlichen Geschlechtshormone, die Androgene, sind dabei die Drahtzieher, wie Regina Betz, Dermatogenetikern an der Universität Bonn, erläutert: Bei einer entsprechenden Veranlagung reagieren Haarwurzeln auf der Oberseite des Kopfes auf die Androgene empfindlich und verkümmern. Nur die Haare am Hinterkopf und den Seiten sind dagegen resistent und bilden deshalb den typisch männlichen Haarkranz rings um die Glatze.

Die Sorge vor Haarverlust lässt die Pharmaindustrie nicht ungenutzt: Gegen die schwindende Fülle gibt es eine wachsende Zahl an Haarwässern, Shampoos und auch Tabletten, mit oft fragwürdiger Wirkung. "Viele Mittel sind nicht abschließend wissenschaftlich getestet", betont Otberg. Für Frauen sei ein Haarwasser mit dem Wirkstoff Minoxidil das einzig zugelassene Präparat mit wirklichem Effekt: Es stimuliert das Wachstum. Das Haar wird dadurch dicker und sprießt schneller. Otberg hält es gegenwärtig für das wirksamste Produkt für die Frau. Lange Zeit war es in Deutschland beliebt, Haarwässer mit künstlichen weiblichen Geschlechtshormonen auf Basis von Alpha-Estradiol zu verschreiben. "Es hat sich aber herausgestellt, dass sie nicht ganz so gut wirken", berichtet Otberg. Daneben werden Haarwässer mit Beta-Estradiol angeboten. Beta-Estradiol ist das im Körper vorkommende, natürliche weibliche Geschlechtshormon. Auf die Kopfhaut aufgetragen, kurbelt es den Haarwuchs an. Aber da es in den Körper aufgenommen wird, seien Nebenwirkungen wie bei der Anti-Baby-Pille möglich.

Auch für Männer wird ein Haarwasser mit dem Wirkstoff Minoxidil angeboten. Es ist mit fünf Prozent Wirkstoff höher konzentriert als jenes für die Frau mit nur zwei Prozent. Für wirksamer hält Otberg aber das Präparat Finasterid, eine Tablette, die einmal am Tag genommen wird. 90 Prozent der Männer verlören vom Zeitpunkt der Einnahme keine weiteren Haare mehr; bei 60 bis 70 Prozent der Patienten wüchsen sogar wieder neue nach, zitiert die Dermatologin Studienergebnisse.

Dennoch fürchten viele Männer die Haarwuchspille. Denn zwei von hundert Betroffenen leiden unter einem Verlust der sexuellen Lust. Manchmal reduziert sich auch die Menge an Sperma. "Das Medikament hat deshalb einen schlechten Ruf, und viele Patienten schrecken davor zurück, obwohl es fantastisch wirkt", sagt Otberg.

Bei Männern wie bei Frauen könne der Haarausfall nur dann effektiv behandelt werden, wenn er nicht zu weit fortgeschritten ist, stellt Amy McMichael, Haarspezialistin von der Wake Forest University in North Carolina klar. Dann lasse er sich unter Umständen noch medikamentös stoppen, manchmal auch geringfügig umkehren. "Das Problem ist, dass viele Patienten zu spät zu uns kommen", betont sie. Sei die Kopfhaut erst einmal kahl, gebe es kaum mehr Erfolgsaussichten.

In diesen Fällen könne dann nur noch eine Haartransplantation helfen. Das gilt hauptsächlich für den typisch männlichen Haarausfall, aber auch bei Frauen, die durch hormonelle Faktoren verstärkt die Haare auf der Kopfoberseite verloren haben.

Im Internet stößt man auf ungezählte weitere Behandlungsmethoden gegen Haarausfall, angefangen von Laserbehandlungen bis zu Eigenbluttherapien. "Da muss man sehr kritisch sein, weil es sehr wenige vernünftige Studien dazu gibt", warnt Otberg.