Berlin - Für die Umwelt möchte jeder gern etwas tun - wenn es nicht zu viel kostet. Das ist genau das, was Ökostromtarife versprechen. Aber das Angebot ist verwirrend, und manche Angebote sind grüner als andere.

Die Bereitschaft der Verbraucher, den Stromanbieter zu wechseln, nimmt zu. Nach Zahlen der
Bundesnetzagentur haben sich 2012 rund 2,6 Millionen Deutsche einen neuen Lieferanten gesucht, Umzüge oder Insolvenzen von Anbietern ausgeklammert. Oft steht dabei die Umwelt im Focus. Laut einer Studie des Vergleichsportals Verivox entschieden sich fast 60 Prozent der Wechslers für einen Ökostromtarif. Sie bekommen also Strom, der aus Wind und Wasser, Photovoltaik oder Biomasse stammt.


Eine gesetzliche Definition von Ökostrom gibt es allerdings nicht. Heute werbe fast jedes Stadtwerk damit, schreibt das Magazin "Öko-Test" in seiner Sonder-Ausgabe Energie und hegt den Verdacht, dass auch Atomunternehmen als Eigner dahinterstecken könnten.

Praxis ist es, Strom aus längst abgeschriebenen Wasserkraftwerken als Ökostrom zu vermarkten, sagt Florian Krüger von Verivox. Dabei werden Zertifikate, die vom physikalischen Strom getrennt sind, von Stromanbietern gekauft, die in einem anderen Tarif weiter mit Kohle- oder Atomstrom handeln können, so Ökotest. Möglich macht das eine Bestimmung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Demnach müssen alle Erzeuger, die eine EEG-Umlage in festgelegter Höhe erhalten, ihren Strom an der Börse verkaufen.

Trotzdem können Verbraucher grünen Strom erkennen. Zum Beisppiel an dem Siegel "Ok-Power" vom Verein Energievision. Der wird vom Öko-Institut und der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen getragen. Wie beim Gold-Siegel vom Verein Grüner Strom Label diverser Umweltorganisationen müssen sich die Träger verpflichten, einen Anteil ihrer Erlöse in den Ausbau erneuerbarer Energien zu stecken.

Alle Anbieter mit dem Siegel "Ok-Power" oder dem Grüner Strom Label Gold hat das Öko-Institut kürzlich in einer
Liste für seine Plattform EcoTopTen zusammengetragen. Darunter sind allerdings auch Anbieter wie Vattenfall, die noch Strom aus klimaschädlicher Braunkohle herstellen. Ökotest hat in einem Sonderheft die Besten daraus ausgewählt.


Um hier aufgenommen zu werden, müssen die Anbieter rund ein Drittel des verkauften Öko-Stroms aus Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen, die nicht älter als sechs Jahre sind. Alternativ können sie einen Teil des Strompreises in den Ausbau regenerativer Stromerzeugung investieren. Die Öko-Stromangebote durften maximal 20 Prozent teurer als der Durchschnittspreis für konventionellen Strom sein. Aufs Siegertreppchen kam kein Anbieter, der gleichzeitig Kohle- oder Atomstrom im Angebot hatte. Immerhin zwölf Angebote blieben übrig.

Wer weniger streng mit den Kriterien ist, muss für Ökostrom nicht mehr bezahlen als für konventionellen Strom, sagt Florian Krüger. Ein Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden pro Jahr könne durch den Wechsel zum günstigsten Ökostrom-Angebot mit Gütesiegel sogar 300 Euro gegenüber dem Grundversorgungstarif sparen.

Der Wechsel selbst ist einfach: Man gibt dem neuen Versorger Bescheid, dass man wechseln möchte, und dieser kündigt beim alten Lieferanten. Beachten muss man dabei die eigene Kündigungsfrist. Bei Preiserhöhungen gibt es ein Sonderkündigungsrecht. Tarife mit Vorauskasse sollte man wegen einer möglichen Pleite des Versorgers meiden, rät
Ökotest. Boni könnten die wahren Kosten verschleiern. Florian Krüger ergänzt, dass man eine Vertragslaufzeit, die länger ist als zwei Jahre, nicht akzeptieren sollte.


Der Verein Energievision fordert alsbald eine gesetzliche Regelung, die festlegt, was eigentlich Ökostrom ist. Ökotest-Chefredakteur Jürgen Stellpflug sieht das genauso. "Man muss nicht immer nach dem Staat rufen. Aber wenn die Marktteilnehmer es nicht zustande bringen, dass der Verbraucher die wirklich ökologischen Tarife findet, muss der Gesetzgeber ran", sagt er. Bisher aber sehe die Politik die Notwendigkeit "noch gar nicht", bedauert er.