Parodontitis gilt in Deutschland als eine Volkskrankheit. Beinahe jeder Erwachsene hat Probleme mit dem Zahnfleisch, fast jeder Zweite schwere Entzündungen, die unbehandelt zu Zahnverlust führen können. Fragen zur Entstehung, Therapie und Prophylaxe von Parodontitis beantworteten am Volksstimme-Telefon die Magdeburger Zahnärzte Dr. Dirk Wagner und Dr. Tilo Schwaar.

Frage : Mein Zahnfleisch ist häufig geschwollen, schmerzt aber auch beim Biss in einen Apfel nicht. Nur gelegentlich ist Zahnfleischbluten sichtbar.

Antwort : Die von Ihnen geschilderten Symptome deuten auf eine Zahnfleischerkrankung hin. In der Zahnmedizin unterscheiden wir bei diesen Entzündungen zwischen Gingivitis und Parodontitis. Bei Gingivitis handelt es sich – vereinfacht gesagt – um eine Unterform, die sich vor allem durch gerötetes und geschwollenes Zahnfleisch äußert, aber keine Schmerzen verursacht. Unbehandelt kann sie in die gefährliche Parodontitis übergehen, die dann den Zahnhalteapparat zerstört. Bei der Therapie geht es vor allem darum, die Entzündungsherde zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass die Paro-Bakterien im Mund keinen geeigneten Lebensraum mehr vorfinden – keine Plaque an den Zähnen.

Frage : Ist Parodontitis heilbar ?

Antwort : Die durch Bakterien im Zahnbelag ausgelöste Erkrankung ist chronisch. Sie kann durch gute Mundhygiene, regelmäßige professionelle Zahnreinigung, spezielle Parodontitis-Therapien sowie eine daran anschließende lebenslange kontinuierliche Betreuung durch geschultes zahnärztliches Personal aufgehalten und in ihrer Wirkung eingedämmt werden. Wird nichts unternommen, kann die Entzündung das Zahnfleisch und das den Zahn im Kieferknochen verankernde Gewebe zerstören. Die Zähne haben dann keinen Halt mehr und fallen aus.

Frage : Gibt es besondere Risiken, die Parodontitis auslösen oder verschlimmern können ?

Antwort : Beginn und Schwere dieser Erkrankung sind von individuellen Faktoren ganz wesentlich geprägt. Bekannt ist, dass Rauchen eine Parodontitis sehr begünstigt. Aber auch zu Allgemeinerkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Leiden wurden Wechselwirkungen wissenschaftlich nachgewiesen.

Frage : Ich trage oben und unten Totalprothesen. Seit längerem ist das Zahnfleisch darunter geschwollen und schmerzt. Welche Paro-Behandlung würden Sie empfehlen ?

Antwort : Bei Totalprothesen können Entzündungen und Schmerzen am Zahnfleisch nicht durch eine Parodontitis bedingt sein. Die diese Krankheit auslösenden Bakterien finden bei Verlust aller Zähne im Mund nämlich keinen geeigneten Lebensraum mehr. Ihre Beschwerden deuten auf andere Ursachen hin, Druckstellen zum Beispiel oder Pilzinfektionen.

Frage : Ich bin Diabetikerin. Mir wurde empfohlen, mich deshalb auch speziell beim Zahnarzt beraten zu lassen. Was hat der mit der Zuckerkrankheit zu tun ?

Antwort : Schlechte Blutzuckerwerte einerseits beeinflussen die Mundgesundheit negativ und stehen in einem engen Zusammenhang zu Entzündungen des Zahnhalteapparates. Andererseits hat auch die durch Bakterien verunsicherte Parodontitis ungünstige Auswirkungen auf einen Diabetes. Denn die Entzündungsherde im Mund verstärken die Insulinresistenz der Zellen und können so zu schlechteren Blutzuckerwerten führen.

Was für alle Patienten gilt, hat für Diabetiker daher noch mehr Bedeutung : Gründliche Mundpflege mit täglich zweimaligem Zähneputzen einschließlich Reinigung der Zahnzwischenräume sowie Benutzung fluoridhaltiger Zahncremes und Mundspülungen. Wichtig sind regelmäßige professionelle Zahnreinigungen in der Zahnarztpraxis. " Zuckerkranke " sollten sich diese Vorsorgemaßnahmen, die die gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlen, risikoabhängig mehrmals im Jahr gönnen. Das ist eine lohnende Investition und letztlich preiswerter als Ersatz für ausgefallene Zähne.

Frage : Wie kann Parodontitis behandelt werden ?

Antwort : Im Vordergrund steht bei Parodontitis-Therapien, den Biofilm aus Millionen von Bakterien mit speziellen Instrumenten aus den Zahnfleischtaschen zu entfernen. In besonders schweren Fällen ist auch eine Behandlung mit Antibiotika oder eine chirurgische Maßnahme ratsam. Bleibender Erfolg zeigt sich bei allen Behandlungsmethoden aber nur, wenn daran eine lebenslange Erhaltungstherapie des entzündungsarmen Zustandes anschließt. Ganz wichtig ist auch hierbei die regelmäßige professionelle Zahnreinigung in der Zahnarztpraxis.

Frage : Bei mir bildet sich seit einiger Zeit das Zahnfleisch zurück. Was kann man tun, damit es wieder wächst ?

Antwort : Zunächst sollten Sie abklären lassen, ob es sich um eine schwere Entzündung des Zahnfleisches handelt oder ob die Rückbildung andere Ursachen hat – Zähneknirschen, eine falsche Putztechnik oder eine Knochenerkrankung zum Beispiel. In keinem Fall aber wächst Zahnfleisch von allein wieder nach. Es gibt jedoch Möglichkeiten, den Defekt in bestimmtem Maße operativ zu schließen.

Frage : Bei mir wurde Parodontitis festgestellt. Jetzt soll ich mehrmals im Jahr in der Zahnarztpraxis eine professionelle Zahnreinigung kaufen. Ist diese Ausgabe wirklich sinnvoll ?

Antwort : Bei einem hohen Parodontitisrisiko reicht eine PZR einmal im Jahr gewiss nicht aus. Bei dieser Reinigung werden nicht nur der Belag auf den Zähnen und Zahnstein entfernt, sondern auch der Biofilm in den Zahnfleischtaschen und damit der Entzündungsherd beseitigt. Die Wirkung hält aber nur einige Monate, danach finden die Paro-Bakterien trotz gründlicher Mundhygiene zu Hause wieder ideale Lebensbedingungen vor.

Frage : Ich habe öfter Zahnfleischbluten, doch keine Schmerzen. Sollte ich trotzdem etwas dagegen unternehmen ?

Antwort : Gegen häufiges Zahnfleischbluten kann man nicht nur, sondern muss man etwas unternehmen. Wenn es wie bei Ihnen wie bei jedem Zähneputzen blutet, ist das ein ernst zu nehmendes Krankheitszeichen. Eine chronische Entzündung im Mund schwächt ja auch das Abwehrsystem im ganzen Körper. Auch aus diesem Grund ist eine Behandlung notwendig.

Frage : Stimmt es, dass man Zahnfleischentzündungen hauptsächlich durch Putzen begegnen kann ?

Antwort : Bei Gingivitis und Parodontitis ist die mechanische Reinigung der Zähne und der Zahnzwischenräume tatsächlich das A und O. Dadurch entziehen Sie den die Krankheit auslösenden Bakterien die Lebensgrundlage. Weil Sie mit Zahnbürste und -seide die Zahnfleischtaschen aber nicht säubern können, gehört die professionelle Reinigung unbedingt mit zur Therapie und Prävention von Parodontitis.

Frage : Welche Möglichkeiten zur Vorbeugung gibt es ?

Antwort : Da Patienten eine Parodontitis wegen fehlender spürbarer Beschwerden selbst nicht bemerken, ist die wichtigste Vorsorgemaßnahme die regelmäßige Kontrolle durch den Zahnarzt. Der kann durch Messen der Zahnfleischtaschen feststellen, ob Sie gefährdet sind oder ob sogar schon eine Erkrankung vorliegt. Dieses sogenannte Paro-Screening wird von den Krankenkassen bezahlt.

Liegt noch keine Erkrankung vor, ist die beste langfristige Vorsorge die regelmäßige PZR in der Praxis und die gründliche individuelle Pflege der Zähne daheim.