Stendal l Grabungsleiter Manfred Böhme bewertet den Fund der Markthalle in Stendal als einzigartig in ganz Mitteleuropa. Für Kollegin Susanne Friederich, die im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle als Abteilungsleiterin Bodendenkmalpflege fungiert, ist der Fund „möglicherweise bedeutsamer als der Fund der Himmelsscheibe von Nebra“ im Jahre 1999.

Die jetzt in Teilen freigelegte Markthalle in Stendal stammt aus dem Jahr 1188. Zwar gibt es in Köln einen ähnlich alten Fund einer Markthalle, doch seien die Details des Fundes nicht annähernd so aufschlussreich wie jetzt in Stendal. „Wir haben Bodenplatten aus Ziegelstein gefunden und selbst Knochen- und Fischreste entdeckt, die weitreichende Rückschlüsse zulassen“, sagte Grabungsleiter Böhme. In Stendal konnten zudem Baustellenüberbleibsel entdeckt werden, also Plätze, an denen beispielsweise Ziegel hergestellt oder Mörtel gemischt wurde.

Fund hat Strahlkraft

Der Markthalle von Stendal könne man eine Vorbildfunktion für viele andere Städte unterstellen, sagt der Archäologe Götz Alper. Jahrzehnte nach 1188 seien viele Städte nach dem Magdeburger Recht gegründet worden, viele davon in Osteuropa. „Die dürften alle die Stendaler Markthalle gekannt haben“, sagte Alper. Diese Strahlungsfunktion mache den Fund so bedeutsam. Stendal könnte eine Zeit lang bedeutender gewesen sein, als dies bisher angenommen wurde.

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Etwas überraschend für die Archäologen war die Feststellung, dass die erste Markthalle schon bald wieder abgerissen worden war und bereits im 14. Jahrhundert eine zweite Halle in ähnlicher Größe mit einer Länge von 50 bis 60 Metern errichtet wurde. „Es wurde in sehr schneller Abfolge immer wieder umgebaut“, sagte Böhme. Es habe teilweise „wild“ ausgesehen haben müssen. Man dürfe sich das Areal vor der Markthalle nicht wie den heutigen frei begehbaren Platz vorstellen, sondern eher als eine beengte Anordnung von Gebäuden.

Grabungen noch bis September

Die Archäologen aus Halle betonten gestern, dass die Grabungen durch die Hilfe von bis zu zwölf Flüchtlingen als Grabungshelfer stark beschleunigt werden. „Die vernichten keine Arbeitsplätze“, sagte Alfred Reichenberger, Sprecher des Landesamtes für Denkmalpflege. Vielmehr könnten zusätzliche Arbeiten verrichtet werden, die bei der Kürze der vorgegebenen Grabungszeit sonst nicht erledigt werden könnten. Die Flüchtlinge werden vom Landkreis angestellt und erhalten eine Aufwandsentschädigung von 1,05 Euro pro Stunde.

Die Grabungen dauern noch bis September. Die Funde werden gesichert und ins Landesmuseum für Vorgeschichte nach Halle gebracht. Bisher wurden bereits 450 Kilogramm Material gehoben und gewaschen.