Magdeburg (dpa) l Wolfhardt Paul deutet auf den Stamm der jungen Esche. Etwa auf halber Höhe des mannshohen Baumes ist die Rinde grau verfärbt, aufgeplatzt und teilweise abgeblättert. "Ab hier ist der Baum tot", sagt der Experte des Landesforstbetriebs. Förster Jens Dedow, Leiter des Reviers Elbaue, steht neben Paul im Biederitzer Busch bei Magdeburg und ergänzt: "Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich noch, es wären Frostschäden."

Inzwischen ist klar, dass nicht die Kälte zum reihenweisen Absterben der Eschen führt, sondern ein aus Asien eingeschleppter Pilz: Das Falsche Weiße Stängelbecherchen. "Der Name ist niedlich, aber der Pilz sehr tückisch", erklärt Annette Leipelt vom Naturschutzbund (Nabu) Sachsen-Anhalt. Das Eschentriebsterben macht auch den Naturschützern Sorgen. "Die Bäume sehen schlimm aus", sagt Leipelt.

Wenn sie denn überhaupt noch stehen. In Sachsen-Anhalts Landeswald wachsen auf 2500 Hektar Eschen. Rund die Hälfte davon ist bereits von der Erkrankung betroffen, schätzt Experte Paul. Besonders in den Auenwäldern entlang der Flüsse macht sich das Problem bemerkbar – von der Altmark im Norden bis zur Saale-Region im Süden des Landes. "Die Esche als Baumart ist massiv bedroht."

Sylke Mattersberger vom Landeszentrum Wald, das sich um den Privatwald im Land kümmert, geht noch weiter. "Die Esche wird verschwinden, da gibt es keine Rettung", befürchtet die Waldschutz-Expertin. Abgestorbene Bäume müssen die Förster fällen, bevor sie von allein umkippen und womöglich auf Wald- und Wanderwege stürzen.

"Das Eschentriebsterben ist derzeit eine unserer größten Baustellen", sagt der 53 Jahre alte Paul. Aufhalten lasse sich der Befall kaum. Paul deutet auf eine große Freifläche mitten im Waldgebiet. "Hier war mal alles voller Eschen – jetzt steht keine einzige mehr." Am Rand der Lichtung kämpfen noch ein paar vereinzelte Exemplare mit dem Eindringling aus Asien.

Den Eichen um sie herum geht es merklich besser. "Die Eiche lebt, die Esche ist im Arsch", sagt Förster Dedow dazu. Hinzu komme, dass die geschwächten Eschen auch anfällig für andere Schädlinge und Krankheiten werden. "Das ist wie beim Menschen: Hast du schon eine Erkältung, kriegst du eher noch eine Lungenentzündung", verdeutlicht Dedow.

Wie der Pilz den Weg von Japan und China nach Europa geschafft hat, ist noch unklar. Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) vermutet, dass importierte Pflanzen der Ursprung sind. "Es ist halt eine globale Welt geworden", bemerkt Paul. Weil sich der Pilz unter anderem über die Luft überträgt, ist er kaum zu bekämpfen. "Es gibt kein Gegenmittel", erklärt Mattersberger. "Da sind wir richtig hilflos."

Auch neue Eschen zu pflanzen macht deshalb aus Sicht der Experten keinen Sinn. Wird neu gesät, setzen die Förster derzeit vor allem auf die widerstandsfähigere Eiche. Die habe auch das große Elbhochwasser vor dreieinhalb Jahren überraschend gut überstanden, sagt Paul. "Unser Ziel sind Mischbestände." Wenn dann zwischendrin mal eine Esche abstirbt und gefällt werden muss, entstehe nicht gleich eine Freifläche mitten im Wald.

Ein Verschwinden der Esche wäre – da sind sich alle Experten einig – ein großer Verlust. "Das ist eine uralte Baumart, die nach der Eiszeit als eine der ersten wieder heimisch wurde bei uns", weiß Paul. Zudem sei die Esche für die Forstbetriebe auch wirtschaftlich wichtig, auf dem Holzmarkt ließen sich gute Preise erzielen. "Das Holz der geschädigten Bäume lässt sich natürlich schlechter verkaufen." Die Esche gehöre wegen ihrer hohen Holzqualität eigentlich zu den Edellaubhölzern.

Einen Lichtblick sieht der Experte darin, dass es immer wieder auch widerstandsfähige Eschen gibt, denen der Pilz scheinbar nichts anhaben kann. Einzelne Bäume haben offenbar genetisch bessere Anlagen. "Das gibt uns die Hoffnung, dass die Baumart doch nicht ausstirbt", so Paul. So richtig optimistisch klingt er aber nicht.