Magdeburg l Fünfeinhalb Stunden öffnen Sachsen-Anhalts Grundschulen täglich – verlässlich. Geht es nach 131 Grundschulleitern steht das nun zur Debatte. In einem Brandbrief an Bildungsminister Marco Tullner (CDU) fordern sie mehr Personal, um dem Bildungsauftrag auch außerhalb des Pflichtunterrichts gerecht werden zu können. „Sollte dies nicht gelingen, schlagen wir die Abschaffung der verlässlichen Öffnungszeit vor“, heißt es im Brief.

Grundschule verkommt zum Betreuungsangebot

Hintergrund: Das Bildungsministerium will die Schulen auf Effizienz trimmen. Marco Tullner will zum neuen Schuljahr jedem Schüler etwas weniger Lehrerwochenstunden zuweisen und so für vollere Klassen sorgen. Dabei gilt ein Richtwert von 22 Schülern je Klasse. Aktuell sitzen im Schnitt 19 Kinder in den Klassen. Eine Schule mit 230 Schülern verlöre durch die Maßnahmen 23 Lehrerwochenstunden. Landesweit spart das Ministerium nach Angaben der Schulleiter 250 Stellen ein.

„Durch diese Kürzung erhöht sich die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte auf ein nicht mehr zu bewältigendes Maß“, heißt es im Brandbrief. Und weiter: „Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule kann nicht mehr vollumfänglich umgesetzt werden.“ Die Grundschule drohe zu einem bloßen Betreuungsangebot zu verkommen.

Zu den Unterzeichnern gehört auch Ingo Doßmann, Leiter der Grundschule „Stadtmitte“ Genthin. „Wo wir früher Arbeitsgemeinschaften anbieten konnten, müssen wir die Kinder jetzt auf den Schulhof stellen“, sagt er. Wenn das Bildungsministerium daran nichts ändern könne oder wolle, solle es wenigstens so ehrlich sein, die Öffnungszeiten abzuschaffen.

106 Unterzeichner aus dem Norden

Für seine sechs Klassen hat Doßmann im neuen Schuljahr statt sieben nur noch sechs Lehrer zur Verfügung. Schon jetzt sitzen in seiner dritten Klasse 27 Kinder. Die könne man bei Ausfällen kaum auf andere Klassen verteilen, sagt er. „Wenn der erste Lehrer krank wird, bricht das System zusammen.“

Initiiert haben den Brandbrief 25 Grundschulleiter aus dem Saalekreis. Sie übersandten ihre Erklärung vor acht Wochen dem Bildungsministerium. 106 Leiter aus dem Norden Sachsen-Anhalts schlossen sich am 6. Juni an.

Stefan Thurmann, Sprecher im Bildungsministerium, bestätigte den Eingang der Briefe. „Die Sorgen nehmen wir sehr ernst“, sagte er. Zur Planung des neuen Schuljahres habe man im Mai Beratungsgespräche mit allen 449 Grundschulen geführt. „Wir gehen davon aus, dass die Gespräche manche Frage bereits klären konnten“, sagte Thurmann. Auch an der Schule von Ingo Doßmann gab es einen Termin. Geändert habe das indes wenig, sagt der Leiter. „Die Belastungen können sie damit nicht mindern.“