Thale/Wedderseleben l Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) haben am Dienstag im Harzdorf Weddersleben einen 28-jährigen Mann getötet, der seine Familie bedroht hatte und mit einer Kalaschnikow auf die Polizisten schoss. Ein SEK-Beamter wurde dabei schwer verletzt.

Als die Spezialkräfte am Dienstag kurz nach 10 Uhr in der Wederslebener Bahnhofstraße aus ihren Autos springen, hat sich die Lage in dem unscheinbaren Einfamilienhaus bereits bis zum Äußersten zugespitzt: Der 28 Jahre alte Daniel H., der gerade noch seine Mutter und die Großmutter mit einer Waffe bedroht hatte, verschanzte sich in seinem Zimmer im Obergeschoss. Als sich die von der Mutter alarmierten SEK-Beamten dorthin vorarbeiten, reißt der 28-Jährige plötzlich die Tür auf und eröffnet mit einer Maschinenpistole vom Typ Kalaschnikow AK 47 das Feuer auf die Polizisten und trifft einen 27-Jährigen am Oberschenkel.

Die Beamten reagieren sofort und erwidern das Feuer. Daniel H. bricht tödlich getroffen zusammen. Stunden später versuchen Ermittler vor Ort, den Fall aufzuklären. Rettungssanitäter und ein Kriseninterventionsteam betreuen die Familienangehörigen. Bislang ist laut Staatsanwaltschaft noch völlig unklar, wieso die familiäre Situation am Morgen derart eskalierte. Ob das spätere Opfer womöglich unter Drogeneinfluss stand, müsse eine Obduktion klären, so Hauke Roggenbuck von der Staatsanwaltschaft in Halberstadt.

Täter soll Waffennarr gewesen sein

Daniel H. ist in der Vergangenheit kaum polizeilich in Erscheinung getreten und hat auch keine Vorstrafen. Trotzdem gehen die Beamten nach dem Schusswechsel auf Nummer sicher. Schließlich eilte dem 28-Jährigen der Ruf voraus, Waffennarr zu sein, was der Besitz der Kriegswaffe bestätigt. Deshalb sucht zunächst ein eingeflogener Sprengstoffspürhund nach möglichen Fallen und Munition.  Ob dabei weitere Waffen gefunden wurden, blieb am Dienstag offen. Die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes ist bis zum Abend im Einsatz.

Der angeschossene SEK-Beamte wurde nach dem Schusswechsel ins Klinikum Quedlinburg gebracht und dort operiert. Ihm gehe es den Umständen entsprechend, hieß es am Nachmittag. Die SEK-Beamten waren aufgrund eines kurz zuvor erfolgten Einsatzes in Wernigerode nach dem Notruf sehr schnell in Weddersleben.

SEK-Waffeneinsatz untersucht

Nun ist die Staatsanwaltschaft am Zuge. Sie leitet in solchen Fällen generell ein Ermittlungsverfahren ein und untersucht den Waffeneinsatz der SEK-Beamten. So war es auch bei einem Familienstreit in Groß Rosenburg im Salzlandkreis, der im Juli vorigen Jahres ebenfalls tödlich endete. Ein 31-jähriger Hobbyjäger hatte seine Eltern mit einem Revolver bedroht und auf die SEK-Beamten gezielt. Diese gaben in Notwehr mehrere Schüsse ab, die Ermittlungen wurden eingestellt. Bei einem anderen Schusswechsel waren in Reuden (Burgenlandkreis) vier SEK-Beamte verletzt worden. Der Angreifer und „Reichsbürger“ Adrian U. wurde damals ebenfalls schwer verletzt.

Nach Angaben von LKA-Sprecher Andreas von Koß müssen SEK-Beamte nur sehr selten ihre Waffen einsetzen. In den vergangenen fünf Jahren gaben die Spezialisten bei nur vier Einsätzen Schüsse ab.

Mit dem gestrigen Todesopfer wurden bisher drei Menschen bei Einsätzen in den letzten 20 Jahren von SEK-Kugeln getroffen. Der erste Fall war 1999, als ein bewaffneter Supermarkträuber das Feuer auf die Beamten eröffnete und einen von ihnen schwer verletzte.

Immer mehr SEK-Einsätze

Die Zahl der Einsätze wegen Waffengebrauchs steigt. Während im Jahr 2009 das SEK nur 88-mal angefordert wurde, gab es im vergangenen Jahr 131 solcher Einsätze. In 48 Fällen wegen Bedrohungen und 30-mal wegen Verstößen gegen das Waffengesetz.