Ilsenburg l Blauer, wolkenloser Himmel über dem Harz. Draußen herrscht bei Temperaturen im Minusbereich eitel Sonnenschein. Der Tag scheint wie gemacht für einen historischen Moment. Die Ilsenburger, am Ende werden es gut 200 Zuschauer sein, die beim Public Viewing in der Harzlandhalle mit ihrem „Local Hero“ Toni Eggert mitfiebern, sind froher Erwartung. Und ob einer bislang grandiosen Saison des Doppelsitzers – die Weltcupsieger Eggert/Benecken haben zehn von 13 Rennen gewonnen – sind alle auch voller Zuversicht.

„Ich drück‘ dem Toni ganz feste die Daumen“, weiß Johanna Richter, die mit ihrer Schulklasse gekommen ist, zumindest, um wen es heute geht. Und in ihrer kindlichen Unbekümmertheit spricht die zehnjährige Schülerin leichthin aus, worauf viele, echte Rodel-Fans im Publikum insgeheim hoffen. „Olympia-Gold, ja, das wär‘s!“

Auch nach Meinung von Hans-Jürgen Meyer, ein Freund der rodelverrückten Familie Eggert und seit Jahren engagiertes Vereinsmitglied beim BRC Ilsenburg, „könnte das klappen“. Er war bei den Weltcups in Königssee und Oberhof an der Bahn, er hat gesehen, wie souverän der heimische Doppelsitzer die Konkurrenz beherrschte. Und doch tritt er auf die Euphoriebremse: „Die Jungs müssen auch erstmal zwei Läufe sauber runterbringen. Man hat bei Felix Loch ja gesehen, wie schnell es geht. Ein kleiner Fehler, und der Traum von Gold ist futsch.“

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Eggerts Mutter ist Public Viewing-Gast

Mit weichen Knien hat sich Toni Eggerts Mutter Kerstin auf den Weg zum Public Viewing gemacht. Dass es auf Initiative von Bürgermeister Denis Loeffke (CDU), der damit einer Anregung aus den Schulen der Stadt nachkommen war, in der Harzlandhalle stattfindet, war ihr gar nicht so recht. Sie mag die große Bühne nicht: „Ich bin furchtbar aufgeregt und zittere. Heute früh war mein Puls bei 99. So nervös war ich nicht einmal, als unser Sohn Paul geheiratet hat.“ Sie weiß eben auch, dass es am „Tag x“ um viel geht. „Viel Trainingsfleiß und vier Jahre harte Arbeit stecken in dem Projekt“, betont sie. „Das war Teamwork - angefangen von Toni und Sascha bis hin zu den Trainern und den Leuten von Thyssenkrupp.“ Und so sei auch der Druck groß: „Viele erwarten nach der Super-Saison Gold. Und ich wünsche es den Jungs so sehr, sie haben es echt mal verdient.“

Als es losgeht, nehmen Familie und Freunde in der ersten Reihe Platz. Oma Renate, Onkel Jens, gleichzeitig Präsident des Rodel-Landesverbandes, Kerstin Eggerts Freunde - sie alle drücken fest die Daumen. Allerdings nicht ganz mit dem erhofften Zwischenergebnis: Nach dem ersten Lauf liegen Eggert/Benecken elf Hundertstel hinter den Führenden Deutschen Tobias Wendl/Tobias Arlt zurück. Auch die Österreicher Peter Penz/Georg Fischler waren schneller.

„Eine Zehntelsekunde, das ist schon eine Hausnummer“, findet Kerstin Eggert. Gerade hat sie mit ihrem Mann Sven telefoniert. Der Ex-Rodler hat mit Sohn Paul und der Schwiegertochter in spe, Julia Taupitz, weder Kosten noch Mühen gescheut und ist in Südkorea live dabei. „Mein Mann hat gesagt: Hoffentlich geht der Toni jetzt nicht zu sehr auf Angriff und macht den Schlitten zu schnell“, schwankt sie zwischen dem Traum von Gold und dem Albtraum Sturz. Jens Eggert räumt seinen Neffen noch alle Chancen ein: „Der erste Lauf war suboptimal, da sind noch Reserven. Toni muss nur die Nerven behalten und Kurve neun meistern.“

Freude und Trauer nahe beieinander

Und genau an dieser Stelle stockt allen beim zweiten entscheidenden Lauf kurz der Atem. „Oohh. Aahh“ Das Hoffen und Bangen beginnt. Was, wenn der Fahrfehler zu viel Zeit gekostet hat? Was, wenn es wie bei Rodelkollegin Tatjana Hüfner nur zu Blech reicht? Als das grüne Licht aufblinkt, Eggert und Benecken die Faust ballen, bricht Kerstin Eggert in Tränen aus. Es hat gereicht. Bronze ist sicher.

Zu mehr langt es allerdings nicht. Die Konkurrenz leistet sich keine Schwächen. Plötzlich will Mama Eggert nur noch weg. Sie hadert mit dem Schicksal: „Was soll ich sagen, ich bin nicht zufrieden. Die Super-Saison hat doch was anderes erwarten lassen. Warum muss es gerade bei Olympia nicht passen?“ Jens Eggert sieht es anders: „Beide Läufe waren nicht fehlerfrei und andere waren nun mal besser. Eine Medaille ist doch super.“ Auch BRC-Chef Dirk Sielaff ist stolz: „Das ist die erste olympische Medaille für einen Rodler aus Ilsenburg, ein historischer Moment. Und wir alle waren dabei.“ Die frischgebackene Landestrainerin Antje Wendenburg (30) strahlt: „Unser Nachwuchs wird zu Toni aufschauen, egal welche Farbe die Medaille hat.“