Magdeburg l Die 18-jährige Victoria Hofmann ist als Teilnehmerin der U20-Poetry-Slam Meisterschaften in der Johanniskirche zu sehen – und zu hören. Sie studiert an der Otto-von-Guericke-Universität Medienbildung. Ihre große Leidenschaft ist unangefochten die Lyrik. Für die Jugendseite sprach Vincent Gulatz mit ihr über leidenschaftliche Texte, außergewöhnliche Persönlichkeiten und einen berühmten Vorfahren.

Wie lange schreibst du schon Texte?

Ich würde sagen, das begann in der 3. Klasse als ich 10 Jahre alt war. Ich kann mich noch genau daran erinnern: Auf dem Tisch stand ein Pappbecher mit Bienen darauf und daraus machte ich dann mein erstes kurzes Gedicht über Bienen. Es folgten Gedichte über Schnecken und einen Pinguin auf einer Eisscholle, die Texte hab ich heute immer noch.

Was war der ausschlaggebende Punkt, an dem du gesagt hast „Jetzt geh ich mit meinen Texten auf die Bühne!“?

Ich habe auf meinem Abiball, nach anfänglichem Bedenken, einen meiner Texte vorgetragen, den ich ursprünglich nur für mich selbst geschrieben hatte. Die Reaktion darauf war so überwältigend, dass ich mir dachte „Warum geh ich damit nicht auch zum Poetry-Slam?“. Gesagt, getan, etwas später stand ich im Café Central mit meinem Text vor den Leuten und habe sogar gewonnen! Ein tolles Gefühl.

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Wie viele Auftritte hattest du seitdem schon?

Bei einem richtigen Slam war ich jetzt dreimal, doch früher stand ich oft bei Schulfesten oder Geburtstagen vor allen Leuten und habe sie mit meinen Schriften unterhalten.

„Slam“ übersetzt hat viele Bedeutungen, von „zuschlagen“ über „Volltreffer“ bis hin zu „scharfer Kritik“ – geht es bei den Auftritten dementsprechend hart zu?

Nein, absolut nicht. Meistens kennt man sich untereinander und ist dementsprechend gelassen. Außerdem geht es ja in erster Linie darum, mit seinen Worten das Publikum zu erreichen, nicht sich untereinander zu übertreffen.

Was sind deiner Meinung nach wichtige Voraussetzungen, die du fürs Slammen mitbringst?

Eigentlich besaß ich schon immer eine Affinität fürs Schreiben, für Literatur, für Rhetorik. Ich hatte schon früh Gefallen dran gefunden, mich gut auszudrücken. Ansonsten bin ich kontaktfreudig und kreativ, was natürlich sehr hilfreich ist. Aber ich glaube, dass das Dichten einfach auch in der Familie liegt.

Inwiefern hat das was mit deiner Familie zu tun?

Schon meine Mutter hat früher viele Gedichte geschrieben und neulich habe ich herausgefunden, dass einer meiner Urahnen der berühmte bulgarische Schriftsteller Jordan Jowkow ist. Für die Bulgaren ist er genauso bedeutend wie hier Goethe.

Auf welche Themen gehst du in deinen Texten ein – Aktuelles oder eher Dinge aus deinem persönlichen Alltag?

Natürlich hat man häufig sein eigenes Leben als Thema. Aber selbst über alltägliche Dinge, wie zum Beispiel Essen, habe ich einen eher heiteren Text geschrieben. Dennoch setze ich mich gerne auch mit kritischen Themen auseinander, um diese den Leuten mitzuteilen, Kinderarbeit zum Beispiel.

Hast du eine Art Vorbild?

Mich faszinieren große Denker, meist von früher wie Goethe oder Shakespeare, weil ich finde, dass solche Köpfe immer seltener geworden bzw. in unserer Zeit kaum noch vorstellbar sind. Also im Endeffekt sehe ich zu Menschen auf, die es nur einmal in der Historie gab und die mit ihren Werken etwas Sinnvolles beigetragen und die Welt verändert haben. Aber auch Menschen, die sich trauen „aus der Reihe zu tanzen“. Diejenigen, die ohne Angst die Wahrheit aussprechen und dahinter stehen. Menschen mit hoher Intelligenz, welche die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen und die Zeit, in der sie leben, hinterfragen, ohne sich täuschen zu lassen.

Woher holst du dir deine Inspiration?

Also einen speziellen Ort, an den ich gehe, um inspiriert zu werden, gibt es nicht. Es ist eher so, dass ich mir sämtliche Gedanken, die mir so zu Hause oder unterwegs in den Sinn kommen, aufschreibe, um sie dann später zu verarbeiten. Auch wenn man zu Hause mit seiner Familie sitzt und ein Thema diskutiert, kann das unheimlich reichhaltig sein. In Bulgarien zum Beispiel herrscht auf den Straßen viel mehr Armut als hier in Deutschland, was mich so bewegt hat, dass ich einfach darüber schreiben musste.

Schreibst du manchmal einfach, um Probleme zu bewältigen, oder immer nur aus Spaß an der Sache?

Eigentlich ist es genau umgekehrt: Ich schreibe immer, um Dinge zu verarbeiten, zwar sind das keineswegs ausschließlich nur Probleme, aber oft Dinge, die mich nachdenklich machen. Aber gerade das macht den Spaß am Schreiben aus, wenn es um Themen geht, mit denen man sich identifizieren kann.

Wie viel Stunden Arbeit stecken in einem Text, den man dann in sechs Minuten vorträgt?

Ich muss gestehen, dass ich eine Perfektionistin bin, das heißt, dass ich niemals einen Text an einem Tag schreiben könnte. Bei mir ist das ein oft wochenlanger Prozess, in dem ich Stück für Stück weiterarbeite, manchmal nur vier Zeilen am Tag schreibe. Vor allem am Schluss sitze ich dann oft noch mal länger, denn das ist für mich der Teil, der die meiste Wirkung haben muss.

Deutschland hat nach England mittlerweile die größte Slam-Szene der Welt, was meinst du begeistert die Leute hier so sehr an den Wettbewerben?

Poetry-Slam bietet den Menschen eine ganze Menge: Oftmals herrscht an den Locations eine Wohnzimmer-Stimmung, in der einprägsame Persönlichkeiten den Menschen mit viel Leidenschaft ihre Gedanken mitteilen. Dies tut jeder auf seine eigene Art und Weise, dadurch entsteht eine Mischung aus Poesie, Musik und Schauspiel, die einfach einzigartig ist.

Wann empfindest du eine Performance als richtig gelungen?

Mich faszinieren Auftritte besonders, wo sich der ganze Text reimt und es trotzdem so klingt, als ob dies rein zufällig so wäre. Wenn der Autor dann auch noch die ganze Zeit über alles aus dem Kopf vorträgt, sind ihm 10 Punkte von mir definitiv sicher.

Wie bist du zur diesjährigen U20-Meisterschaft in Magdeburg gekommen?

Der Veranstalter Tobias Glufke hatte mich nach meinen beiden letzten Auftritten immer mal wieder zu anderen Slams überall in Deutschland mitnehmen wollen, doch wegen meines Studiums fehlte mir dazu leider oft die Zeit. Durch Zufall wurde ich dann auf die Meisterschaften hier in Magdeburg aufmerksam und das wollte ich mir diesmal nicht entgehen lassen.

Hast du zum Schluss vielleicht noch ein paar Tipps für diejenigen, die sich auch mal daran probieren wollen, aber eventuell noch Bedenken haben, selbst auf die Bühne zu gehen und ihre Texte vorzutragen?

Ich glaube für den Anfang ist es am wichtigsten, dass man vorerst für sich selbst schreibt und nicht schon an Auftritte und Erfolge denkt. Auch solltet ihr euch nicht davon abschrecken lassen, gegen andere anzutreten, die schon viel mehr Erfahrung haben als ihr. Immer sich selbst treu bleiben und nicht aufgeben. Im Poetry-Slam kann man so gut wie nichts falsch machen, es sei denn, man hat keinen Spaß.