Herr Willingmann, Sachsen-Anhalt leidet unter einem gravierenden Lehrermangel. Jetzt senkt die Martin-Luther-Universität als größte Lehrerschmiede im Land die Plätze für Lehramtsstudenten von 700 auf 550 ab. Wer soll das noch verstehen?

Aufgrund der Zielvereinbarung aus dem Jahr 2015 ist die Martin-Luther-Universität verpflichtet, 550 Lehramtsstudienplätze vorzuhalten. Die Erhöhung der Kapazität auf 700 Plätze war eine Entscheidung des Landtags, einmalig für das Wintersemester 2016/17. Der aktuelle Lehrermangel hat jedoch nichts mit der heutigen Situation an den Universitäten zu tun, sondern mit Haushaltsentscheidungen früherer Jahre. Denn bevor ein Lehramtsstudent des ersten Semesters in den Schuldienst kommt, vergehen bis zu sieben Jahre. Wenn wir also heute zurecht ein Defizit bei der Lehrerversorgung beklagen, sind dies Folgen von Entscheidungen, die vor sieben bis zehn Jahren gefallen sind.

Sind bei den Planungen damals Fehler gemacht worden?

In der Vergangenheit sind zumindest die Prioritäten anders gesetzt worden. Die Universitäten haben in den vergangenen Jahren durchweg mehr Lehrer ausgebildet, als ins Referendariat oder danach in den Schuldienst übernommen wurden. Bekanntlich wurde in früheren Jahren ein Konsolidierungs– und Sparkurs verfolgt, der auch die Anzahl der Lehrereinstellungen im Lande betraf. Dieser Kurs war zu rigide! Freilich haben viele diesen Sparkurs ausdrücklich begrüßt. Wenn man aber leistungsfähig sein will, geht das nicht nur mit Sparen. Wir wollen das jetzt besser machen – wie man ja auch im ersten Doppelhaushalt der Kenia-Koalition sehen kann.

Wie wollen Sie das anstellen?

Bei der Planung von Studienplätzen, Referendar- und Lehrerstellen ist wichtig, dass man mit berechenbaren Zahlen arbeitet. Wir müssen wissen, wie viele Lehrer das Land ab 2023 und in den Jahren danach einstellen will. Dann sollte man schauen, wie viele Referendarplätze zur Verfügung gestellt werden. Die dafür erforderlichen Zahlen kommen aus dem Bildungsministerium, das für Referendare und Lehrer zuständig ist. Und wenn diese Zahlen stehen, werden wir uns im Wissenschaftsministerium kurzfristig mit den Universitäten über die erforderlichen Lehramtsstudienplätze verständigen, um diesen Bedarf zu decken.

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Das Bildungsministerium hat eine Expertenkommission zur Ermittlung des Lehrerbedarfs eingesetzt. Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Angekündigt sind die Zahlen für den Sommer 2017. Sinnvollerweise bekommen wir dann auch Angaben zu den benötigten Fächerkombinationen. Ich finde, wir sollten bereits einem Studieninteressenten sagen können: Wenn du diese Fächer wählst und dein Examen erfolgreich ablegst, wird dir zeitnah eine Referendarstelle und eine spätere Stelle als Lehrer in Sachsen-Anhalt angeboten.

Kritiker sagen: Mit 700 Plätzen könne man gar nichts falsch machen, weil feststeht, dass auch über zehn Jahre hinaus mehr als 700 Lehrer pro Jahr gebraucht werden.

Die Martin-Luther-Universität hat ihre Kapazitäten in der Lehrerausbildung in den letzten 15 Jahren von 350 auf 550 hochgefahren. Gleichzeitig wurden jährlich im Schnitt nur 100 bis 150 Lehrer eingestellt. Das heißt, es wurde jahrelang weit über die Einstellungsmöglichkeiten im Lande hinaus ausgebildet. Selbst wenn man eine Art „Schwundfaktor“ abzieht, sollten wir diesen Fehler nicht wiederholen. Studierenden, die man fürs Lehramt in Sachsen-Anhalt gewinnt, muss man auch eine realistische Perspektive auf Anstellung im Land geben können.

Ist nicht auch ohne Expertenkommission absehbar, dass der Bedarf höher liegt?

Den Bedarf an sich hatte das Land auch in den letzten Jahren schon. Aber das wurde nicht haushalterisch untersetzt. Die Forderung bestimmter Kapazitäten hat aber nur Sinn, wenn es auch die entsprechenden Referendar- und Lehrerstellen gibt. Nur einfach gleichsam „auf Vorrat“ zu produzieren, erzeugt doch genau den Frust bei Studierenden, Absolventen und Familien, den wir über Jahre hatten. Was passiert denn mit den Absolventen, die wir nicht ins Referendariat einstellen können? Sie sind gezwungen, ihre Ausbildung bis zum Zweiten Staatsexamen außerhalb Sachsen-Anhalts fortzusetzen. Gleiches gilt für dann examinierte Lehrkräfte, denen wir keine Stelle anbieten können. Diese Abwanderung war für das Land aus vielerlei Gründen verheerend und wirkt sich heute aus.

Heißt: Lehramtsanwärter, die auf Vorgaben der Expertenkommission bauend ein Studium beginnen, werden auch eine Stelle bekommen?

Unter den Voraussetzungen eines erfolgreichen Studiums und ebensolcher Referendarzeit: Ja! Diese Prognose des konkreten Bedarfs muss doch möglich sein.

Können Sie das wirklich versprechen?

Eine Situation wie derzeit darf es nicht wieder geben. Politik muss hier verlässlich agieren. Sie kann das aber auch.

Warum wurde eine Expertenkommission zur Ermittlung des Lehrerbedarfs erst jetzt eingesetzt?

Die Frage müssen sie anderen stellen.

Welchen Beitrag können die Hochschulen zur Behebung des Lehrermangels leisten?

Einen großen: Beide Universitäten bieten die Entwicklung von Fort- und Weiterbildungsprogrammen an, die sich etwa an so genannte „Quereinsteiger“ richten. Adressaten wären Akademiker mit Hochschulabschlüssen in Fächern, für die an unseren Schulen ein entsprechender Bedarf besteht.

Die Uni Magdeburg hofft auf die Rückkehr des Lehramts in den Fächern Mathematik/Physik. Wie ist der Stand?

Land und Hochschulen haben sich 2006 nach langen Verhandlungen auf die Verteilung der Studiengänge und Schwerpunkte in Sachsen-Anhalt geeinigt. Damals wurde unter anderem festgelegt: Das Lehramts-Studium geht im Wesentlichen nach Halle, die universitären Ingenieurwissenschaften werden in Magdeburg konzentriert. Damit wurde eine stärkere Profilierung angestrebt. Diese Entscheidung wurde wiederholt bestätigt, zuletzt in den Zielvereinbarungen bis 2019.

Gibt es da keinen Spielraum?

Man darf das Thema Lehramt nicht isoliert betrachten. Es geht um eine komplexe Vereinbarung, die 2006 von der Landesregierung und allen Hochschulen mitgetragen wurde. Es wurden zahlreiche Fächer und Institute an Unis wie Hochschulen geschlossen oder verlagert. Wenn wir dieses Riesenpaket punktuell aufschnüren, können schnell weitere Verabredungen infrage gestellt werden, etwa auch die Rückkehr der Ingenieurausbildung nach Halle. Dies würde jedoch Land und alle Hochschulen überfordern.

Die Uni Magdeburg sagt: Die Konzentration der Lehrerausbildung in Halle hat sich nicht bewährt, weil Studieninteressenten aus dem Norden eher nach Braunschweig oder Berlin studieren gehen.

Unsere Statistiken bestätigen das nicht.