Magdeburg l In der „Hall of Fame des deutschen Sports“ haben bislang 104 ehemalige Athleten ihren Platz gefunden. Die letzten, die im Januar in einer einmaligen Aktion per Publikumsabstimmung in die virtuellen Internet-Ruhmeshalle der Deutschen Sporthilfe gewählt wurden, waren die ehemalige Biathletin Magdalena Neuner und der Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher.

An diesen beiden Kandidaten gab es also keine Zweifel. An dem Kandidaten und Radsport-Idol Gustav-Adolf „Täve“ Schur bei der bevorstehenden Wahl durch eine Jury sind sie dagegen groß – vor allem nach seinen jüngsten Äußerungen im „Neuen Deutschland“, als der gebürtige Biederitzer einmal mehr den DDR-Sport nicht nur verteidigte, sondern auch glorifizierte: „Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut“.

Erster Versuch scheiterte 2011

Größte Zweifel müsste auch Andreas Silbersack haben. Der Mann ist einst aus der DDR geflüchtet, er macht Politik im Sinne der liberalen FDP, er arbeitet als Anwalt in Halle. Aber Silbersack hat keine Zweifel. Als LSB-Chef Sachsen-Anhalts hatte er bei der Konferenz der Landessportbünde (LSB) Schur zum zweiten Mal vorgeschlagen. Und alle 16 LSB-Vertreter haben zugestimmt. „Ich gehe davon aus, dass seine Chancen diesmal sehr groß sind. Und ich hoffe inständig, dass er in die Ruhmeshalle aufgenommen wird“, sagte Silbersack am Freitag der Volksstimme.

Der erste Versuch war 2011 gescheitert. Schon damals war Schur seine politische Rolle in der DDR zum Verhängnis geworden. „,Täve‘ Schur hat mit seiner sportlichen Leistung Generationen geprägt“, erklärte Silbersack, der zudem seine Aussagen im „Tagesspiegel“ vom Donnerstag bestätigte: „Ihn jetzt aufzunehmen, wäre ein Brückenschlag. Es wäre ein Zeichen, dass die Hall of Fame eine wirklich gesamtdeutsche ist.“ Und damit „eine Chance, Geschichte zu schreiben“. Die aktuelle Wahl steht nämlich im 50. Jahr der Sporthilfe im Zeichen der deutschen Einheit.

Allein die sportliche Leistung reicht aber auch Silbersack nicht aus bei der differenzierten Bewertung des 86-jährigen Schur, der in den 1950er Jahren zweimal die Friedensfahrt und zwei Weltmeistertitel gewann und der zudem LSB-Ehrenvorsitzender ist. „Sportler im historischen Kontext zu bewerten, macht ihre Wertigkeit aus. Das können eben nicht nur gleichlautende Lebensläufe sein“, erklärte der 49-jährige Silbersack, der die „diskussionswürdigen“ Auffassungen Schurs zum DDR-Sport gar nicht verteidigen will und der diese erst recht „nicht teilt“.

Aber er würde sich wünschen, dass Schur-Gegner wie Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH), „ihn bei aller berechtigter Kritik genauso differenziert betrachtet“ wie er selbst. Silbersack hatte vor zwei Jahren die DOH-Chefin und den „Jahrhundertsportler der DDR“ an einen Tisch geholt. Ein versöhnliches Gespräch wurde es nicht. Und: „Die Kontroverse ist noch nicht zu Ende.“ Zuletzt hatte Geipel eine Aufnahme Schurs in die Ruhmeshalle als „untragbar“ bezeichnet.

Diese Kontroverse machen derzeit 93 Jury-Mitglieder – Vertreter der Sporthilfe, des Deutschen Olympischen Sportbundes, Sportjournalisten, das Bundespräsidialamt sowie alle lebenden Mitglieder der „Hall of Fame“ – mit sich aus. Auf der Vorschlagsliste sind neben Schur Weitspringerin Heike Drechsler, Fußballer Lothar Matthäus, der Nordische Kombinierer Franz Keller und Skispringer Sven Hannawald notiert. In ein bis zwei Wochen werde es ein Ergebnis geben, sagte Jörg Hahn von der Sporthilfe: „Letztlich können die Jury-Mitglieder alle fünf oder keinen wählen.“