Tschernobyl l Der neue Sarkophag ist über dem Reaktor, aber die Mission Tschernobyl für Volker Rodenbeck noch nicht beendet. Drei der neun dort eingesetzten Spezial­krane müssen noch demontiert werden. Wiederum unter der Regie des 49-jährigen Altenzauners, der lange Zeit der einzige Deutsche im ukrainischen Sperrgebiet war und „Tscherno“ die Baustelle seines Lebens nennt. Dass er sich dafür häufig erklären muss, nimmt er gelassen.

Volker Rodenbeck wollte unbedingt dabei sein, wenn der Metallsarkophag über den Reaktor geschoben wird. Die 35.000 Tonnen schwere Stahlkonstruktion ist immerhin das größte bewegliche Gebäude der Welt, der Altenzauner hat über Jahre als Kranspezialist daran mitgearbeitet. Darum arrangierte er alles so, dass er am Tag X auf der Baustelle ist. „Und dann haben sie den Termin verschoben. Ich hab mich so geärgert.“ Als sich am 14. November 2016 der Bau auf Schienen in Bewegung setzte, war Rodenbeck beruflich auf dem Weg nach Korea. „Meine Kollegen haben mir ständig gemailt, wie weit sie sind. Wir waren alle total aufgeregt.“

Verlockendes Angebot

Das war Rodenbeck auch, als ihn Anfang 2011 das Angebot für Tschernobyl erreichte. „Ich wusste sofort, dass ich das mache.“ Das extra für den Bau der Schutzhülle gegründete französische Konsortium Novarka brauchte jemanden, der vor Ort die riesigen Spezialkrane aufbauen kann: die MR 605 Nadelkrane - 60 Meter hoch und mit 60 Metern Ausleger.

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Rodenbeck, angestellt beim amerikanischen Konzern Manitowoc/Potain kennt sie „von ihrer Geburtsstunde an“ und war so fachlich der richtige Mann. Aber nicht nur deswegen: Rodenbeck ist es gewohnt, beruflich durch die Welt zu reisen. Und er hat zwar Respekt, aber keine Angst vor radioaktiver Strahlung: Rodenbeck ist ein Kernkraftwerker! Die Krane, die er niemals Kräne nennt, kamen durch einen glücklichen Zufall in sein Leben.

Von der Altmark nach Tschernobyl

Volker Rodenbeck stammt aus Rengerslage in der Wische. Delegiert vom KKW Stendal/Niedergörne, das sich im Aufbau befand, ging er 1984 in die Elektrikerlehre ins KKW Greifswald. Dann kam die Wende und das Aus für das Kraftwerk an der Küste. „Ich habe selbst Block IV ausgeknipst“. Nicht gerne, denn gerade lief auch privat alles gut. Rodenbeck hatte geheiratet und endlich eine Wohnung in Greifswald gefunden. Dann der vorschnelle Ruf zurück in die Heimat. In Kurzarbeit wurde Rodenbeck Teil einer „Groß-ABM“, die das KKW Stendal wieder abriss. Verrückte Welt.

Rodenbeck sollte es als Facharbeiter mit in Betrieb nehmen, stattdessen machte er „Niedergörne“ nun wieder stromfrei. „Wie das da aussah! Als ob man ein funktionierendes System auf Knopfdruck ausgeschaltet hätte. Da standen noch die Kaffeetassen auf den Tischen.“ Eine Begegnung auf dem KKW-Gelände sollte wegweisend sein. Rodenbeck hatte 1993 in einer Halle zu tun, wo gerade die Kranfirma BKT ihren Betrieb aufnahm. „Suchen Sie Elektriker?“ Ja. „Von heut auf morgen hatte ich den Job.“

Gefährlicher Job

Bis 1995 klemmte er Motoren in der Endmontage (Krantyp MR 605) an, ab 1995 ging Rodenbeck in den Außendienst. Hausbau in Altenzaun und Familiengründung einerseits, Reisen in die große Welt andererseits. Malaysia, Korea, Philippinen, Thailand, USA, Katar, Nigeria – die Krane führen Rodenbeck an attraktive Reiseziele.

Dann kam Tschernobyl. Und damit das erste Mal, dass Rodenbeck sich für seine Arbeit rechtfertigen musste. „Tschernobyl, da will ja keiner hin.“ Natürlich, wegen der Strahlung. 30 Jahre nach dem Reaktorunglück vermuten Fachleute immer noch mehrere 100 Tonnen Uran unter der damals errichteten und längst bröckelnden Schutzhülle aus Beton. „Eine permanente Strahlenquelle. Manche haben gesagt, ich bin doch bekloppt.“

Neubaustadt mitten im Wald

Mit dem Auto von Altenzaun nach Stendal, mit dem Zug zum Flughafen Berlin-Tegel, Flug nach Kiew und dann weitere zwei Stunden mit dem Auto. „Da werde ich immer abgeholt.“ Und ins ukrainische Slavutich gebracht, einer „Neubaustadt mitten im Wald, quasi nur Stendal Stadtsee“. Der Ort entstand nach der Reaktorkatastrophe. Die damals rund 50.000 Bewohner der reaktornahen und deswegen evakuierten Stadt Prypiat fanden hier ein neues Zuhause.

Slavutich ist 50 Kilometer von Tschernobyl entfernt, Rodenbeck gelangt wie alle anderen täglich mit einem speziellen Arbeiterzug dorthin. „Der fährt immer durch Weißrussland.“ Ins militärische ukrainische Sperrgebiet, denn das ist der Raum 30 Kilometer um den Unglücksort herum auch heute noch. „Da ist überall Miliz, man kommt nur mit speziellem Passierschein rein.“ Rodenbeck mit der Mission, Krane zu bauen oder wieder abzubauen.

Arbeit mit Grenzwerten

Vier ukrainische Potain-Mitarbeiter werden ihm zu diesem Zweck zugewiesen. „Immer dieselben, das war meine Bedingung.“ Unter normalen Umständen braucht es für eine Kranmontage des Typs MR 605 vier Tage – in Tschernobyl einen Monat. Denn je nachdem, wie nah der Kran am geschmolzenen Reaktor 4 steht, nehmen Rodenbeck und sein Team bei der Montage verschieden viel Strahlung auf. Da gibt es Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen und die Arbeit wegen der Zwangspausen in die Länge ziehen. „Jährlich darf man nicht mehr als 20 Millisievert aufnehmen.“ Sie werden europaweit als nicht körpergefährdend eingeschätzt. Aber das muss alles dokumentiert - und addiert - werden.

Wenn Rodenbeck sich im Sperrgebiet aufhält, hat er vier sogenannte Dosimeter, Strahlenmesser, an seinem Körper: zwei für die deutschen Behörden, einen für den ukrainischen Staat und einen für Novarca. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle auch für den zweifachen Familienvater aus Altenzaun besser. Seit seinem ersten Einsatz in Tschernobyl führt Rodenbeck selbst zusätzlich Tagebuch über die empfangene Strahlung. So weiß er etwa, dass er von 2011 bis 2014 insgesamt 9,7 Millisievert Strahlung aufgenommen hat - also alles im Rahmen. Und ohnehin relativ, wie er sagt: „Wir Europäer verstrahlen uns bei medizinischen Vorsorgeuntersuchungen.“

Der Dreck als Feind

„Du schmeckst die Strahlung nicht.“ Nicht einmal, als Rodenbeck einmal nur zwei Meter vom Unglücksreaktor 4 entfernt stand. „Das ist das Gefährliche.“ Und Dreck ist gefährlich: „Der Dreck ist dein Feind.“ Radioaktivität bleibt quasi daran haften, der Staub wird zum Transportmedium. Deswegen auch der Sarkophag, „er schützt nicht primär gegen radioaktive Strahlung. Er ist ein Staubschutz.“

Die gigantische Stahlkonstruktion soll für mindestens 100 Jahre die radioaktive Strahlung abfangen, die beim kontrollierten Abbau des Reaktors 4 entweichen könnte. In diesem Teil des ehemaligen Kernkraftwerkes kam es am 26. April 1986 zu mehreren Explosionen, die eine Nuklearkatastrophe mit weltweiten Folgen auslöste. Nicht nur die Besatzung starb während des Unglücks, auch Zigtausende bei den Aufräumarbeiten und dem Bau des ersten Sarkophags aus Beton, der inzwischen marode ist.

Körper unter Kontrolle

Die Baustelle „Tscherno“ hat‘s in sich: „Du kannst da nicht einfach ’ne Stulle essen, trinken oder rauchen.“ Das geht alles nur in abgeschirmten Bereichen. Und einfach so auf Toilette gehen, ist auch nicht. „Du musst deinen Körper da ziemlich unter Kontrolle haben.“

Trotz dieser ganzen Beschränkungen fuhr und fährt Rodenbeck gern nach Tschernobyl. „Wir sind da auch ’ne prima Truppe.“ Rodenbeck spricht sehr gut Englisch. Ein bisschen Französisch, bisschen Ukrainisch. Das passt. Davon ab steckt in Rodenbeck auch ein Technikfreak. „Und die Technologien, die sie dort anwenden, das ist schon der Wahnsinn.“ Genauso wie die ganze „Geistergegend“ überhaupt - die Gemengelage für einen Abenteurer.

Zur Arbeit mit dem Flieger

Für Rodenbeck und sein Team war der Auftrag immer dann beendet, wenn der Kran aufgebaut, der Kranführer eingewiesen und die Zertifizierung erfolgt war. Oder andersherum, wenn der Kran wieder ordnungsgemäß rückgebaut wurde. Dann geht’s wieder raus aus dem Sperrgebiet, und für Rodenbeck rein in den Flieger.

Er war noch nie länger als sechseinhalb Wochen von seiner Familie weg. So gerne wie Rodenbeck unterwegs ist, ist er auch zu Hause. In Altenzaun, das Areal des einstigen KKW Stendal direkt in Sichtweite. Ohne die Wende würde er mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.