Magdeburg l Als das Kultusministerium 2002 die Lehramtsausbildung an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verlegte, waren die Proteste groß. Mit der Begründung, sparen zu müssen, baute der damalige Hausherr im Kultusministerium, Jan Hendrik Olbertz (parteilos), Doppelangebote an den beiden Universitäten in Halle und Magdeburg ab.

Magdeburg musste bluten

Die Otto-von-Guericke-Universität (OvGU) Magdeburg musste besonders bluten: Vom breiten Spektrum der Lehrerausbildung mit den Fächern Deutsch, Musik oder Geschichte blieb nach der Reform nur ein einziger Lehramtszweig übrig: Die wenig prestigeträchtige Ausbildung von Berufsschullehrern.

Halle dagegen stieg zu der Lehrerschmiede des Landes auf. Ziel der Weichenstellung war es, die Ausbildung von Pädagogen in allen Fächern für ganz Sachsen-Anhalt zu konzentrieren. 15 Jahre später ist das Projekt aus Sicht der Magdeburger Universität gescheitert. Die Leitung hat reagiert: Wenn möglich, will sie die Lehramtsausbildung für Mathematik und Physik an Gymnasien und Sekundarschulen schon zum Wintersemester wieder in die Landeshauptstadt holen.

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Studenten wandern ab

Es wäre der zweite Schritt, nachdem 2007 bereits Wirtschaft und Technik an die Elbe zurückkehrten. Hintergrund ist ausgerechnet die Lehrerknappheit im Land. Weil immer mehr Pädagogen mit entsprechender Qualifikation an den Schulen fehlen, gebe es einen zunehmenden Nachwuchsmangel in den naturwissenschaftlich-technischen (MINT)-Fächern, sagt Rektor Jens Strackeljan.

Die Hoffnung, dass Lehramtsanwärter aus dem Norden Sachsen-Anhalts oder dem angrenzenden Niedersachsen in Halle studieren, habe sich nicht erfüllt. „Stattdessen verlieren wir sie an andere Bundesländer“, sagt Strackeljan.

Senat hat zugestimmt

Genau dem will die Uni mit ihrem Studiengang nun begegnen. Das Konzept für die Ausbildung ist nahezu fertiggestellt. Am Mittwoch votierte der Senat der Universität einstimmig für den Vorstoß. Geht es nach dem Willen des Rektors, soll das neue Angebot im April vom Wissenschafts- sowie vom Bildungsministerium abgesegnet sein. Zum Oktober könnten dann bis zu 20 Lehramtsanwärter je Fakultät mit dem Studium beginnen.

Doch die Pläne der Magdeburger gehen noch darüber hinaus: Langfristig will die Universität außerdem das Lehramt für Informatik nach Magdeburg holen. Bedarf an zusätzlichen Lehrern in Mathematik und Physik ist vorhanden. So gehen nach Angaben des Bildungsministeriums zwischen 2016 und 2020 in Grund-, Sekundarschulen und Gymnasien mehr als 200 Mathe-Lehrer in den Ruhestand, in Physik sind es immerhin 50.

Der Trend setzt sich auch danach fort: „Die Tendenz ist weiter abnehmend“, sagt Sprecher Stefan Thurmann.

Genehmigung fraglich

Die Lehrergewerkschaft GEW würde den neuen Studiengang begrüßen. „Betrachtet man das Einzugsgebiet der Universitäten und den Bedarf, wäre ein Ausbau der Lehrkräfteausbildung in Magdeburg vorteilhaft“, sagt Sprecher Alexander Pistorius. Angesichts von 8500 ausscheidenden Lehrern bis 2020 müsse in allen Bereichen das Motto „klotzen nicht kleckern“ gelten. Schon 2016 schlug die GEW deshalb allein für Magdeburg die Aufstockung der Lehramtskapazitäten um 500 Plätze vor.

Im Wissenschaftsministerium, das eigentlich mit den Plänen vertraut sein sollte, hält man sich überraschend bedeckt: Die Einführung von Studienfächern sei Angelegenheit der Hochschulen, sagt Sprecher Gerhard Gunkel. „Dabei müssen diese sich jedoch an die mit dem Land abgeschlossenen Zielvereinbarungen halten.“ Bildungsminister Marco Tullner (CDU) begrüßt den Vorstoß grundsätzlich, auch er weist aber darauf hin, dass das Wissenschaftsministerium die Rahmenbedingungen schaffen müsse.

Halle hält sich bedeckt

Tatsächlich ist die Lage komplizierter, als sie scheint. Nach Recherchen der Volksstimme verstößt die Magdeburger Universität mit den Plänen gegen eine mit dem Wissenschaftsministerium geschlossene Zielvereinbarung. Diese sieht die Lehramtsausbildung an der Elbe ausdrücklich nur für das Berufsschullehramt oder in Verbindung mit den Fächern Technik und Wirtschaft vor. Das Ja aus den Ministerien ist damit alles andere als Formsache.

Die Universität Halle könnte ein neuer Lehramtsstudiengang in Magdeburg Studenten kosten. Doch die Leitung dort gibt sich zugeknöpft. Trotz mehrfacher Nachfrage der Volksstimme wollte die Hochschule die Pläne aus Magdeburg nicht kommentieren.