Siebeneinhalb Jahre musste Timo Scheider auf den ersten Podestplatz in der DTM. Nun sieht er sich bestens ins Abt-Audi-Team integriert - und will durchstarten.

Viel ist geschehen während der letzten siebeneinhalb Jahre. Als Timo Scheider im Frühjahr 2000 in die wiederauferstandene DTM einstieg, waren die heutigen (Ex-)Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso und Kimi Räikkönen selbst Motorsportkennern unbekannt. Mattias Ekström und Gary Paffett wussten von der DTM nur vom Hörensagen - und feierten bis heute insgesamt drei Titelgewinne. Scheider hingegen schien währenddessen auf der Stelle zu treten: Fünf Jahre bei Opel, einen Beinahe-Sieg sowie - aus Mangel an Alternativen - ein Jahr in der FIA-GT-Meisterschaft später hatte er zwar die Marke seines DTM-Dienstwagens gewechselt. 2006 waren Podestplätze im Audi-Jahreswagen für den Lahnsteiner jedoch ebenso außer Reichweite wie im ewigen Mittelmaß der Opel-Neuwagen.

Das 75. DTM-Rennen, der erste Podestplatz - siebeneinhalb Jahre nach seinem DTM-Debüt befreite sich Scheider, mittlerweile im Audi-Neuwagen angekommen, zumindest vom beinahe unheimlichen Fluch des fehlenden Podestplatzes. Und doch fällt die Bilanz der ersten Saison im titelfähigen Fahrzeug für Scheider geteilt aus. "Natürlich wollte ich mehr, keine Frage. Die ersten vier bis fünf Rennen waren schon recht holprig - nicht, was die Performance angeht, aber die Ergebnisse haben gefehlt", resümiert Scheider gegenüber der adrivo Sportpresse. Und tatsächlich war es - wie schon zu Opel-Zeiten - durchaus nicht die fahrerische Performance, die den mittlerweile 28-Jährigen an besseren Ergebnissen hinderte:

"Mit Pech und Unfällen, die nicht hätten sein müssen, gab es für mich in dieser Saison fünf Nullrunden, die am Ende zu viel waren, um noch in der Meisterschaft mitzumischen", verweist Scheider auch auf den missglückten Saisonauftakt in Hockenheim, wo sein erster Podestplatz nur durch eine unverschuldete Kollision mit Bruno Spengler verhindert wurde. Nach der ersten verpassten Podestchance musste sich Scheider mit durchwachsenen Resultaten in Geduld üben - bevor er zur zweiten Saisonhälfte auch teamintern einen Wandel bemerkte: "Zur Saisonhalbzeit hat sich jedoch auch intern Einiges bei uns getan. Wir sind die Probleme, die Besprechung der positiven und negativen Dinge anders strukturiert angegangen. Das hat dazu beigetragen, dass es zur zweiten Saisonhälfte steil aufwärts ging."

Drei Startplätze in der ersten Reihe während der letzten fünf Rennwochenenden, stetige Chancen auf Podestplätze - die Scheider zwei Mal mehr oder minder bereitwillig an den späteren Champion Mattias Ekström weiterreichte: Wenn auch von seinen Kritikern weit gehend unbemerkt, präsentierte sich Scheider plötzlich beständig auf einer Augenhöhe mit seinen Teamkollegen und Titelkandidaten Ekström und Tomczyk. "Anfangs war es bei Abt-Audi nicht leicht, die eigene Linie beizubehalten und sich dennoch an das System bei Abt anzupassen", berichtet Scheider selbstkritisch über die ersten Monate bei den Allgäuern, sah dann jedoch Wende: "Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu Beginn der Saison in dieser Hinsicht noch das eine oder andere Problem hatte. In der zweiten Saisonhälfte habe ich mich immer wohler gefühlt, mein Ansehen im Team ist gewachsen."

Timo Scheiders steigende Leistungskurve ist nicht neu: Schon im vergangenen Jahr präsentierte er sich während seiner ersten Audi-Saison im Rosberg-Jahreswagen zunächst nicht als eifriger Punktesammler - bevor er in der zweiten Saisonhälfte trotz unterlegenen Materials zum Punkte-Abonnenten avancierte. Auch das Warten auf die Zusicherung des Neuwagen-Cockpits ist für Scheider keine unbekannte Erfahrung: So sprach Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich in der vergangenen Winterpause von Kontakten zu den Ex-F1-Stars Jacques Villeneuve und Juan-Pablo Montoya - bevor Scheider den Zuschlag für das vierte Cockpit bei Abt-Audi erhielt. Diesmal waren es Ralf Schumacher und Alexandre Prémat, die zumindest die Gerüchteköche für 2008 als Konkurrenten um den Platz im aktuellen Audi A4 sahen. Das Ergebnis ist bekannt.

"Schön, dass Audi auf mich setzt und mir weiterhin ein aktuelles Auto gibt, doch die Ergebnisse der letzten Rennen haben das auch gerechtfertigt", stellt Scheider nicht zu Unrecht fest. Den Ruf als potenzieller DTM-Champion hat er sich in weiten Teilen der DTM-Fangemeinde noch nicht erworben - anders als Audi-intern: "Zum Ende des Jahres habe ich von Hans-Jürgen Abt ein tolles Kompliment bekommen: \'Timo, du bist angekommen.\' Das war genau das, worauf ich hingearbeitet habe. Ich bin nun zu 100 Prozent integriert und fühle mich entsprechend." Auch Dr. Wolfgang Ullrich hegt keine Zweifel an den Titelqualitäten Scheiders: "Wir werden mit den Fahrern in die kommende Saison gehen, die nach unserer Überzeugung zur Titelverteidigung beitragen können."

Für die kommende Saison hat sich Timo Scheider viel vorgenommen: Der erste Sieg - 2003 im Opel nur durch einen missglückten Boxenstopp verhindert - ist für den Rheinländer Pflicht, um auch weiterhin in den Genuss eines aktuellen Boliden zu kommen. Auch die Rolle als treuer Assistent der Ingolstädter Fahrerprominenz will abgelegt werden, um endlich nach dem DTM-Championat zu greifen - und in jene Sphären zu gelangen, die so mancher Kollege in den vergangen siebeneinhalb Jahren erreicht hat...

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