Nie war der Titelkampf so spannend wie am kommenden Wochenende in Hockenheim - und noch nie war die Stimmung hinter den Kulissen so angespannt...

Es könnte so schön sein: Erstmals in der Geschichte der neuen DTM treten beim traditionellen Saisonfinale in Hockenheim drei Piloten aus zwei Lagern mit realistischen Titelchancen gegeneinander an. Nur vier Punkte Rückstand trennen selbst Martin Tomczyk als Dritten im Bunde von seinem ersten ersten DTM-Titel. Doch nur wenig trennt die DTM auch von einem erneuten Skandal: Nach den Erlebnissen von Barcelona könnten nur wenige Missverständnisse auf der Strecke das Fass erneut zum Überlaufen bringen. Fünf vor zwölf - so kann die Lage nicht nur für die drei Titelaspiranten bei den 37 letzten Rennrunden der Saison, sondern auch für die gesamte DTM beschrieben werden...

Fünf Jahre Hockenheim-Neuzeit

Seit 2002 gehört der umgebaute Hockenheimring zum festen Inventar des DTM-Rennkalenders - und doch sorgt die modernisierte Version des einstigen Highspeed-Kurses unverändert für Diskussionen. "Der Hockenheimring hat seit seinem Umbau viel von seinem Charakter verloren - schade, denn die modernen Strecken werden sich immer ähnlicher", bedauert Mike Rockenfeller mit Blick auf den 4,574 Kilometer langen Kurs, muss jedoch gestehen: "Trotz alledem ist das Motodrom nach wie vor etwas Besonderes." Markenkollege Markus Winkelhock sieht das Layout seiner Heimstrecke weit weniger kritisch:

"Die neue Strecke ist natürlich viel zuschauerfreundlicher und die Streckensicherheit ist viel besser. Es gibt überall Auslaufzonen und man kann näher ans Limit herangehen, da man schlimmstenfalls im Kies landet", argumentiert Winkelhock mit der rennfahrerischen Vernunft, sieht jedoch auch die Freude am Fahren nicht zu kurz kommen: "Es ist nicht nur meine Heimstrecke, sondern ein Kurs, dessen Charakteristik mir richtig Spaß macht." Auf Fahrer und Renningenieure kommen auch an diesem Wochenende die altbekannten Setup-Herausforderungen zu. "Die Daten vom Auftakt im April sind natürlich hilfreich, denn die Übersetzungen und die Abtriebswerte sind in Hockenheim durchaus speziell", bestätigt Tom Kristensen, dass dennoch keine allzu weiten Ausflüge neben die Abstimmungs-Ideallinie zu erwarten sind.

Markus Winkelhock präzisiert: "Späte Bremspunkte wie an der Spitzkehre, schnelle Kurven wie am Eingang des Motodroms sowie langsamere Ecken im Motodrom, die für den berüchtigten Setup-Kompromiss zwischen wenig Abtrieb auf den Geraden und mehr Abtrieb im Motodrom sorgen." An Überholmanövern mangelt es in Hockenheim traditionell ohnehin nicht: Neben der Spitzkehre, die immer wieder kleine, aber in der Positionsliste folgenschwere Fahrfehler provoziert, bieten sich auch bei der Zufahrt zur Mercedes-Tribüne sowie zu Kurve 2 beste Möglichkeiten, sich ohne allzu viel Lackaustausch am Gegner vorbeizuschieben...

Fünf vor zwölf im Titelkampf

Nach den Erfahrungen des Saisonauftakts und der letzten Wochen sind mit Blick auf die Kräfteverhältnisse keine allzu großen Überraschungen zu erwarten. Nachdem die Ingolstädter während der Saison immer wieder ihre beim ersten Saisonlauf überraschend starke Neuwagen-Performance bestätigt haben, darf Audi durchaus auf das Novum zweier Hockenheim-Siege in Folge hoffen. Ebenso wie seine beiden Vorgänger kommt der A4 DTM des Jahres 2007 in den Genuss eines Gewichtsvorteils, der den Abt-Audi die entscheidenden Zehntelsekunden im Kampf gegen die aktuelle C-Klasse verschaffen könnte. Mit nur fünf Kilogramm Gewichtsunterschied würde hingegen in Reihen der Jahreswagen alles andere als ein erneuter jahrgangsinterner Sieg der 2006er-Mercedes wundern.

Während sich die Mücke- und Persson-Piloten angesichts von Jamie Greens realistischem DTM-Ende sowie Bruno Spenglers F1-Ambitionenen ein gutes Bewerbungszeugnis für den Aufstieg in den Neuwagen ausstellen wollen, zählt bei Abt-Audi und HWA-Mercedes nur eines: Der Titelgewinn. Der Verlust der komfortablen Meisterschaftsführung bringt Unruhe ins Lager der Ingolstädter: Mit nur zwei Punkten Rückstand und der gleichen Anzahl an Siegen und zweiten Plätzen wie Ekström würde Bruno Spengler den dritten Titel eines Mercedes-Piloten in Folge sichern, sollte er siegen oder vor dem Schweden auf Rang zwei ins Ziel kommen. Und während der DTM-Champion von 2004 "nur" in jedem Fall vor beiden Konkurrenten ins Ziel kommen muss, wartet auf Hockenheim-Spezialist Martin Tomczyk ein Kraftakt: Vier Zähler mehr als sein Teamkollege und zwei mehr als Spengler muss der Bayer auf seinem Punktekonto verbuchen - womit selbst ein Sieg Tomczyks nicht zum Titelgewinn reichen würde, stünde Ekström neben ihm auf Podestplatz zwei...

Fünf vor zwölf hinter den Kulissen

Nach dem Eklat von Barcelona wollen die beiden Hersteller ihr Gesicht wahren - und sei es auch ein Gesicht, das bei vielen Zuschauern in Spanien für Unmut sorgte. Waren die Kollisionen mit beiden Audi-Titelkandidaten in Barcelona nicht doch zu viel des Guten? Mercedes-Sportchef Norbert Haug bleibt bei seiner Meinung: Die folgenschweren Berührungen zwischen Martin Tomczyk und Mika Häkkinen sowie Mattias Ekström und Daniel La Rosa seien normale Rennunfälle gewesen, die durch die Audi-Piloten durchaus auch hätten verhindert werden können. War der Rückzug aller verbliebenen A4 DTM aus dem Rennen im Nachhinein nicht vielleicht doch eine Überreaktion? Nein, man stehe in Ingolstadt zu der Entscheidung, weicht auch sein Audi-Kollege Dr. Wolfgang Ullrich nicht von seiner Position ab.

Bei ihrem Treffen am Mittwoch sollten sich Haug und Ullrich zwar noch einmal vor Augen geführt haben, dass in Hockenheim Vorsicht und Fairness im Umgang mit den Titelkandidaten das oberste Gebot ist. Die Lage bleibt dennoch angespannt, nachdem insbesondere der Rückzug der Ingolstädter hinter den Kulissen für Unmut gesorgt hatte. Die Sportstrafen für Häkkinen und La Rosa signalisieren derweil allen Beteiligten, dass die Rennleitung eine zuletzt vielfach geforderte strengere Linie eingeschlagen hat - und dafür sorgen will, dass die DTM mit Blick auf eine gesicherte Zukunft um fünf vor zwölf noch die Kurve bekommt...

Copyright: adrivo Sportpresse GmbH