Zandvoort, Brünn - Barcelona? Die Titelentscheidung zu Gunsten Audis könnte erneut im Ausland fallen...

Beim Feiern im Ausland haben die Ingolstädter Erfahrung: Fuhr Laurent Aiello den ersten Titel für Abt-Audi im niederländischen Zandvoort ein, so fiel die Titelentscheidung zu Gunsten Mattias Ekströms 2004 im tschechischen Brünn. In diesem Jahr ist in Spanien der Champagner bereits kaltgestellt - zumal die Kulisse einer Meisterschaftsparty in der 1,6-Millionen-Metropole Barcelona aus Sicht Audis durchaus reizvoller wäre als im 20.000-Einwohner-Städtchen Hockenheim. Doch während es für die Ingolstädter gilt, in überlegener Meisterschaftsposition unnötige Missgeschicke bei Mattias Ekström und Martin Tomczyk zu vermeiden, hoffen Bruno Spengler Mercedes in Lauerstellung auf ebendiese...

Entscheidende Änderung

Mehr Sicherheit, mehr Überholmanöver: So lauteten die Leitmotive der Streckenbetreiber für den Umbau im letzten Streckenabschnitt. Führten bislang zwei schnelle Rechtskurven hin zur langen Start-/Ziel-Geraden, so wurde nun eine der in Rennfahrerkreisen mäßig beliebten Schikanen installiert. Im Rahmen des Formel-1-Grand-Prix auf dem Circuit de Catalunya hielten sich die positiven Effekte auf die Zahl der Überholmanöver eher in Grenzen. Stattdessen verlor der Kurs einen Teil seines flüssigen Highspeed-Charakters. Mehr Sicherheit - weniger Charakter: So dürfte sich am Wochenende auch die nun um 28 Meter auf 2,977 Kilometer verlängerte Kurzanbindung präsentieren.

Die einstmals eher schnelle Europcar-Kurve, bislang die vorletzte Biegung, wurde spitzer und verlangt nach einem früheren Bremspunkt. Sie führt nun beinahe im rechten Winkel auf die kurze Gerade, an die sich wiederum die langsame Links-/Rechts-Schikane anschließt. So geht es mit gedämpftem Schaum hin zur Zielkurve, wo man sich - auch bei der Einfahrt in die Boxengasse - einen deutlichen Sicherheitsgewinn verspricht. "Leider sind die letzten beiden Kurven in Barcelona modifiziert worden. Sie sind nun deutlich langsamer als im vergangenen Jahr. Für uns ist das keine Hilfe", findet die neue Passage in Mattias Ekström und den Audi-Piloten keine Befürworter.

Abgesehen von einer vergrößerten Paddock-Anlage bleibt ansonsten alles beim Alten: Die bei der Kurzanbindung der GP-Strecke kürzere, aber im DTM-Rennkalender dennoch überdurchschnittlich lange Zielgerade führt auf eine Spitzkehre zu, auf die eine Links-/Rechtskombination folgt. Die schnelle Campsa-Rechts führt auf die Gegengerade, wo sich laut Martin Tomczyk eine der beiden besten Überholchancen anbietet: "Die besten Überholmöglichkeiten bieten sich nach Start und Ziel und auf der Gegengerade in Richtung Spitzkehre."

Entscheidende Auswirkungen?

"Im vergangenen Jahr ist an der alten Stelle meinem Verfolger Bernd Schneider ein Fehler unterlaufen, sodass mein Sieg etwas leichter wurde", erinnert sich Martin Tomczyk etwas wehmütig an die alte Streckenvariante zurück, wo Übermut bei der Zufahrt auf die Zielgerade rasch mit einem Ausflug ins Kiesbett bestraft wurde. So sind am kommenden Wochenende nicht nur weniger Fahrfehler zu erwarten - auch die Chancen der Ingolstädter auf eine ähnlich überlegene Performance wie 2006 sinken. Die Vorliebe des aktuellen Audi A4 für schnelle, aerodynamisch anspruchsvolle Kurven verliert somit zumindest im dritten Sektor an Bedeutung - was die Stuttgarter im Winter bereits bei Saisonvorbereitungstests in Barcelona feststellten.

"Bei den Tests dort vor der Saison fanden wir eine gute Abstimmung, damit sollte ich wieder in die Punkte fahren können", zeigt sich Alexandros Margaritis optimistisch, dass sich die 2006er-Mercedes diesmal stärker präsentieren als vor zwölf Monaten. Derweil will sich Martin Tomczyk auf Grund der neuen Schlusspassage nicht zu gravierenden Setup-Umstürzen hinreißen lassen: "Wir trimmen das Auto klar auf die schnellen Kurven. Die Wirkung der Aerodynamik spürt man in Barcelona an verschiedenen Stellen ganz deutlich." Mehr oder minder deutlich wird Audi auch die Veränderungen in der Gewichtstabelle zu spüren bekommen: Nach drei Rennen mit zehn bis 20 Kilogramm schweren Gewichtsvorteilen bewegen sich die Neuwagen auf dem Circuit de Catalunya auf gleichem Gewichtsniveau.

Während die Kräfteverhältnisse in 2007er-Reihen mit Spannung erwartet werden, macht sich im Jahreswagenlager nach einem mäßig erfolgreichen Eifelrennen eine Mischung aus Zweckoptimismus und Skepsis breit. "Es wird nicht leicht. Wir haben uns mit den 06er Autos schon am Nürburgring sehr schwer getan. Es wird in Barcelona nicht einfacher", verweist Rosberg-Pilot Mike Rockenfeller auf die Entwicklungsfortschritte bei 2007er- und Stagnation bei den 2006er-Boliden. Die Fahrer der älteren Rennlimousinen hoffen auf gute Rennstrategien - wie sie ihnen zuletzt in auffallender Häufung verwehrt blieben...

Entscheidung am Kommandostand?

So hatte hinter vorgehaltener Hand zuletzt kaum jemand wirklich bestreiten wollen, dass die Boxenstopptaktiken der Jahres- und Gebrauchtwagenpiloten verstärkt zum Vorteil der 2007er-Boliden im jeweils eigenen Lager ausgerichtet waren. Ein Wermutstropfen, der beim vergleichsweise "friedlichen" Lauf auf dem Nürburgring glücklicherweise der einzige blieb. Doch nachdem bereits 2006 in Barcelona umstrittene Manöver und Verbalduelle an der Tagesordnung waren, bleibt mit Spannung zu erwarten, ob es am Sonntag zu Zandvoorter Verhältnissen kommt. Während die Ingolstädter Stallorder-Maßnahmen in ihrer aktuellen Meisterschaftsposition kaum nötig haben, müssen sich die Stuttgarter in Abstinenz üben - zu laut war man gegen unpopuläre Funksprüche eingetreten. Gefragt sind faire Zweikämpfe auf dem Asphalt - der laut Wetterprognosen nicht zwingend trocken sein wird...

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