Hart, härter, Barcelona: Beim neunten Saisonlauf wurde zweifelsohne DTM-Geschichte geschrieben...

Klettwitz, Zandvoort, Barcelona: Im Rhythmus von zwei Monaten macht die DTM in diesem Jahr skurrile bis negative Schlagzeilen - auf dem Circuit de Catalunya wurde der Höhepunkt erreicht. Der neunte Saisonlauf wurde zum harten Schlag für die DTM, obwohl auch hier die Voraussetzungen für einen spannenden, aber unumstrittenen Titelendspurt vorhanden gewesen wären...

Harte Bandagen

Eine sinnvolle Richtlinie, wenn nicht gar ein Gentlemen\'s Agreement im Motorsport, schien in Barcelona unbeachtet zu bleiben: Demnach stehen in der Endphase einer Meisterschaft die verbliebenen Titelkandidaten keineswegs unter Artenschutz - als am Titelkampf Unbeteiligter sollte man allzu riskante Begegnungen mit ihnen jedoch vermeiden. Und doch schieden Mattias Ekström und Martin Tomczyk wegen der (Spät-)Folgen von Kollisionen aus - während Bruno Spengler nicht ohne Glück unbeschadet über die 59 Rennrunden kam.

Während Mika Häkkinen im Führungskampf gegen Tomczyk ein für seinen Erfahrungsschatz äußerst untypischer Fehler unterlief, lieferte sich Daniel La Rosa, nach einer frühen Begegnung mit Christian Abt am Ende des Feldes liegend, einen harten Zweikampf mit Mattias Ekström. Nachgeben wollte dabei - mit bekannten Folgen - niemand. Dass es so zur Eskalation zwischen den beiden Marken kam, überraschte angesichts der seit Zandvoort aufgeheizten Stimmung danach kaum noch. Lauda vs. Tomczyk, Luhr vs. Spengler, Lauda vs. Scheider, Rockenfeller vs. Spengler: Die Liste der umstrittenen, mit einigem Teileverlust erkauften Zweikämpfe wurde immer länger. So lang, dass eine Analyse der Zwischenfälle müßig ist - und so lang, dass die Liste der Fahrzeuge nach dem Rückzug der verbliebenen A4 DTM aus dem Rennen immer kürzer wurde...

Dass ohne überharte und missglückte Zweikämpfe die Basis für besten Sport geboten gewesen wäre, bewiesen die Rundenzeiten. "Ich war sehr zufrieden mit der Balance meines Autos. Ich konnte die Gangart von Bruno gut mitgehen. Er war am Freitag unglaublich schnell und war die Herausforderung für uns alle. Als ich gemerkt habe, dass ich mithalten kann, war ich sehr zufrieden", berichtet Bernd Schneider, der mit einem Bremsdefekt ausschied, von der HWA-internen Ausgeglichenheit. Nach der dominanten Vorstellung Martin Tomczyks am Sonntag zeigten sich die Mercedes-Piloten mit ihm auf einer Augenhöhe - und demonstrierten die Leistungsdichte zwischen den beiden Marken.

Harte Strafen

Bruno Spengler, Timo Scheider, Gary Paffett, Alexandros Margaritis, Christian Abt - die Liste der Gelbsünder, die mit einer Durchfahrtsstrafe belegt wurden, war in Barcelona noch länger als in Mugello. Während der Bergungsarbeiten an Susie Stoddarts gestrandeten Mercedes war das Quintett seine jeweils schnellste Sektorenzeit gefahren. "Wegen drei oder vier Zehnteln, die vielleicht einen Unterschied von 4 bis 5 km/h ausmachen, zu entscheiden, dass der eine bestraft wird, der andere jedoch nicht, finde ich übertrieben. Dann sollten eher alle bestraft werden. Hier muss ganz klar eine Definition her", beschwerte sich Margaritis ebenso wie seine Kollegen, die auch ein steigendes Gripniveau der Strecke oder einen leerer werdenden Tank als Entschuldigung für ihre Verstöße angaben. Doch während hierbei vom Reglement gedeckte Routineentscheidungen getroffen wurden, sorgten die nachträglich verhängten Strafen für Mika Häkkinen und Daniel La Rosa für Diskussionen:

Der verkraftbare Rennausschluss in Barcelona, aber auch 20.000 Euro Geldstrafe für Häkkinen und 10.000 Euro Bußgeld für La Rosa, dazu eine Rückversetzung in der Hockenheimer Startaufstellung um zehn Plätze: Selten wurden in der DTM so harte Sanktionen verhängt. Die Entscheidung der Sportkommissare setzt ein deutliches Zeichen, nachdem auch die milde Bewertung kritischer Manöver zuletzt zur Eskalation der harten Gangart zwischen Audi und Mercedes beizutragen schien. Für Häkkinen dürfte die Entscheidung, gegen die HWA und Mücke in Berufung gingen, ein Tiefpunkt seiner DTM-Karriere sein: Das Image des Finnen, stets für seine faire und überlegte Fahrweise geschätzt, hat einen Kratzer erhalten. Dass Häkkinen die gestrigen Vorfälle in eine Entscheidung für oder wider eine weitere DTM-Saison einfließen lässt, ist auch im Sinne der gesamten Serie nicht zu hoffen...

Harter Kampf um Aufmerksamkeit

Ein "ungewöhnliches" Rennen brachte sowohl bei Mercedes als auch bei Audi ein Novum hervor - das jeweils weit gehend unbeachtet blieb: Jamie Green triumphierte nach 29 sieglosen Rennen im Neuwagen erstmals. Lucas Luhr erreichte nach acht erfolglosen Rennen im Audi-Jahreswagen trotz vorzeitigen Aufsuchens der Garage zum ersten Mal die Punkteränge - nachdem er im Rennen mit konkurrenzfähigen Rundenzeiten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dass Greens lang ersehnter erster Sieg von der eskalierten Rivalität zwischen Audi und Mercedes völlig überschattet wurde, ließ den Briten äußerlich unbeeindruckt. "Ich bin ein konstantes Rennen gefahren, habe Missgeschicke vermieden und mich aus allem Trubel herausgehalten. Auch meine Rennstrategie war entscheidend: Nur Bernd Schneider hat früher gestoppt als ich", beschrieb Green sein Rennen.

Ob der Barcelona Lauf - wie er es sah - "ein großer Schritt nach vorne" darstellte, ist dennoch zweifelhaft: Anders als auf dem Norisring 2006, wo sein erster Sieg nur durch eine Kollision mit Christian Abt verhindert wurde, war der Brite HWA-intern keineswegs dominant. Green schwamm in Neuwagenrennen mit guten Zeiten, aber unauffällig mit und profitierte durchaus davon, dass kein anderer Pilot eines 2007er-Boliden ein Rennen ohne Zwischenfälle erlebte. Dass eine Stallorder zu seinen Ungunsten ausblieb, als Bruno Spengler während der letzten Rennen herannahte, war Green trotz alledem zu gönnen: Zu oft waren vor allem 2006 Topleistungen unbelohnt geblieben. Neben Green durfte auch der drittplatzierte Paul Di Resta zum nunmehr vierten Mal in dieser Saison das Podest besteigen. Erneut trumpfte der Schotte im 2005er-Mercedes mit konstant guten Zeiten auf - bevor Spengler wenige Runden vor Schluss äußerst leicht an ihm vorbeikam...

Harte Zeiten

Dass die in Zandvoort entstandenen tiefen Gräben zwischen Audi und Mercedes nicht überwunden sind, hat spätestens der Barcelona-Eklat gezeigt. Die Bemühungen um eine zumindest öffentlich demonstrierte Einigkeit der beiden Hersteller, wie sie nach dem Nürburgring-Rennen zuletzt mit dem erneuten Bekenntnis zur DTM 2008 sowie dem frühzeitig vorgestellten Rennkalender geschah, sind in Spanien gescheitert. Eine minutenlange Diskussion zwischen Dr. Wolfgang Ullrich und Norbert Haug und unmittelbar folgende, grundverschiedene Fernsehstatements hatten Symbolkraft.

"Wir alle müssen uns beruhigen. Wolfgang Ullrich und ich werden uns in den nächsten Tagen zusammensetzen", kündigt Norbert Haug den unumgänglichen Dialog zwischen den beiden Herstellern an - ist ein weiterer Eklat in Hockenheim doch weder Fans noch Serie zuzumuten. Dr. Wolfgang Ullrich verspricht: "Wir werden uns nach diesem Jahr wie gewohnt zusammensetzen, um mögliche reglementarische Änderungen zu besprechen." Wichtige Besprechungen, die wohl nur nach disziplinierten Vorstellungen in Hockenheim gelingen können...

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